Barbara Schroeder

Kunst im Zyklus von Raum und Zeit

Fotos: Markus Schwer

Teuillac in der Gironde. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Genau genommen die Zeit um 1867, wie es das Emblem im Wohn- und Atelierhaus von Barbara Schroeder verrät. Das in hellen Mauersteinen und rötlichem Ziegel erbaute Haus liegt an einem wunderschönen Garten mit einem Teich und befindet sich inmitten des Weinanbaugebietes Bordelais. Die Auseinandersetzung mit den Elementen dieser Landschaft bestimmt wesentlich das Werk der Künstlerin, das sich zwischen Malerei, Installation und Skulptur sowie Performance, Tanz und Dichtung bewegt. Dass sich in ihrer Kunst auch ihre Leidenschaft für den Wein und die französische Küche spiegelt, zeigt sich während des sehr familiären Atelierbesuches on top. Alles in allem Verwöhnprogramm pur … !

Wohn- und Atelierhaus von Barbara Schroeder

Nach einem gemeinsamen Frühstück geht es in das benachbarte Studio. Unterstützt durch das warme Licht der Wintersonne lässt hier schon ein erster Blick auf die Arbeiten die Verbindung zur Natur erkennen. Erdtöne und organische Strukturen bestimmen die Malereien, Abformungen von Natur die Skulpturen. Insbesondere die vor der Wand aufgereiht stehenden Skulpturen geben sich deutlich als Abformungen von Baumrinden zu erkennen. Irritierend ist allerdings ihre in Grautönen abgestufte Farbgebung. Ich frage nach.

Einblick ins Atelier …

Barbara: Es handelt sich um Abgüsse in Beton. Die Verbindung zur Natur ergibt sich vor allem über die Hintergründe ihrer Entstehung. Im Herbst dieses Jahres habe ich einen Monat als Artist-in-Residence in Knysna, einer Stadt in Südafrika – gefördert durch die SAFFCA Foundation – gearbeitet. Auf dem Weg zur Unterkunft wunderte ich mich über den seltsamen Zustand der Landschaft. Alles sah irgendwie abgestorben aus. Wie sich herausstellte, waren das die Folgen eines verheerenden Feuers, das dort zwei Jahre zuvor gewütet hatte und letztlich zum Thema meines neuen Werkzyklus werden sollte. Dabei machte ich es mir zur Aufgabe, die Veränderungen der Botanik, genau genommen den Prozess ihres Wiederaufbaus künstlerisch zu inszenieren.

Installationsansicht der Baumabformungen in der Abschlussausstellung in Knysna

Und wie bist du vorgegangen?

Barbara: Wie allgemein für meine Arbeit typisch, untersuchte ich zunächst akribisch die Natur. Insbesondere Pilze entwickelten sich in diesem Zusammenhang zu meinen bevorzugten Forschungsobjekten. Ihre Formen faszinierten mich ebenso wie der Aspekt, dass sie über das Zersetzen abgestorbener Baumrinden Humus produzieren und so einen wichtigen biologischen Beitrag dazu leisten, unfruchtbaren Boden wieder fruchtbar zu machen. Noch ohne eine konkrete Idee sammelte ich dann Pilze und Baumrinden und nahm sie mit ins Atelier. Als ich erste Abformungen in Silikon vorgenommen hatte, stellte sich die Frage, mit welchem Gussmaterial ich meine Thematik am besten zum Ausdruck bringen könnte. Schon die Silikonformen als solche waren fantastisch. Sie erinnerten an Ohren, Pferdehufe, Schnecken … insgesamt wieder an andere organische Formen und hatten darüber hinaus immer noch Partikel der originalen Natur an sich haften. Es war also klar, dass diese Partikel im Guss auch noch sichtbar bleiben würden. Weil ich gern mit Kontrasten arbeite, entstand die Idee, die sehr weiche Masse des Silikons in hartes Beton zu übertragen. Neben seiner Festigkeit wird mit Beton vieles Weitere verknüpft. Es gilt als langlebig, wird für das Anfertigen von Bauteilen und Bauwerken eingesetzt, gilt als etwas sehr Typisches für die Urbanisierung Über das Material konnte ich deshalb den Gegensatz von Natur und Urbanisation – auch mit Blick auf den Betonbrutalismus der Großstädte – zum Ausdruck bringen. Über die Farbgebung und die abgeformten anhaftenden Partikel konnte ich darüber hinaus den Gegensatz von Vergänglichkeit und Erneuerung, in diesem Fall hervorgerufen durch das Feuer, visualisieren.

Ich schaue mir die Skulpturen und auch Silikonabformungen genauer an und ertaste zunächst die unterschiedliche Materialität. Weich und handschmeichlerisch kontra hart und kantig.

Begutachtung der Pilze und ihrer Abformungen

Interessant ist auch die metallische Struktur der Farbgebung, die sich vielfach in deinen Gemälden wiederfindet. Sind das spezielle Farben?

Barbara: Meine Farben stelle ich grundsätzlich selbst in einem Gemisch aus Metallstaub, Pigmenten und Bindemitteln wie Ei, Öl oder Acryl her. Das Schwarz, das ich gerade viel verwende, ist geschmolzener Teer. Also auch wieder sehr metaphorisch in Bezug zur Stadt zu sehen.

Basics zur eigenen Farbherstellung

Einen wunderbaren Kontrast bilden die Rosttöne der Gemälde zum Grau der Skulpturen. Offenbar wird auch mit den Untergründen experimentiert, denke ich beim Anblick des auf dem Boden liegenden Gemäldes, das durch starke Risse geprägt ist, oder auch bei der Betrachtung des großformatigen, noch im Fertigungsprozess befindlichen Bildes [s. Abbildungen]. Entstehen die Risse über die verschiedenen Malgründe oder vorher, frage ich.

Leinwand-Check …

Barbara: Vorher. Ich muss immer zunächst einmal die Leinwand lebendig werden lassen … sozusagen bewohnbar machen. Hierfür wird sie zerknautscht und gequält [lacht]. Erst mit einer solchen ungebändigten Grundstruktur kann ich loslegen und meiner Intuition freien Lauf lassen.

Im Gegensatz zu deinen figurativen Skulpturen sind die Motive deiner Malereien eher abstrakt. Neben dem wiederkehrenden Farbspektrum sind Linie, Fläche und organische Formen bildbestimmend. Dieses Gemälde hier [s. Abbildung unten] erinnert mich an ein Labyrinth oder einen Ausschnitt einer Landkarte. Inwiefern spiegelt sich darin dein zentraler Gedanke, Abbilder von der Vielgestalt und Veränderlichkeit der Natur zu schaffen?

Erklärung zur Abstraktion der Gemälde

Barbara: Natur umfasst letztlich alle Lebensformen: Pflanzen, Tiere und Menschen. Mich interessieren die Wechselwirkungen und Verbindungen zueinander. Alle sind immateriellen Kräften ausgeliefert, die das Leben in ungeordnete, unvorhersehbare Bahnen lenken. Es kann deshalb nicht linear verlaufen und ist immer von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geprägt. Und genau das zeichne ich in diesem Bilderzyklus nach: Das ewige Hin und Her zwischen Ordnung und Unordnung, Licht und Schatten, Mattheit und Glanz, und so fort … Obgleich ich völlig planlos und unkontrolliert arbeite, ist es für mich immer wieder überraschend zu sehen, dass und wie auch die eigenen persönlichen Lebenserfahrungen in die Motive mit hineinfließen.

Das liefert eine gute Überleitung zu deinem über viele Jahre vorherrschenden Lieblingsmotiv: der Kartoffel. Was hat sie mit dir zu tun?

Barbara: Ich komme aus Kleve, einer ländlich geprägten Stadt am Niederrhein. Kartoffelfelder, die Ernte von Kartoffeln und natürlich auch ihre kulinarische Vielfalt sind mir deshalb vertraut. Obgleich die Kartoffel im 16. Jahrhundert aus Südamerika importiert wurde, gilt sie als etwas typisch deutsches. Mittlerweile gibt es unzählige verschiedene Sorten und natürlich spielt sie auch in der französischen Küche eine bedeutende Rolle. Beim Kochen – neben der Kunst eine weitere Leidenschaft von mir – wurde ich mir dann irgendwann nicht nur der Vielfalt ihres Geschmacks, sondern auch der Vielfalt ihrer Formen bewusst. Ich begann sie zu zeichnen und setzte mich mit ihrem Anbau, ihrem Wachstum und ihrer Ernte auseinander. Das Phänomen der Zellteilung, das letztlich alle natürlichen Prozesse bestimmt, wurde hierbei für mich buchstäblich fassbar. Über die schlichte Erkenntnis, dass sie in der Blüte ihres Lebens in die Erde gesteckt wird, ihre Energie abgibt und ihre Tochterkartoffeln produziert, wurde sie für mich zum Spiegel des ewigen Kreislaufs des Werdens und Vergehens und zum Sinnbild für die Verbindung des Menschen mit der Erde.

links: Rösti, zubereitet von Barbara auf selbstgestaltetem Porzellanteller (Foto: Claude Prigent), rechts: Barbara mit Kartoffeln in Porzellangüssen (Foto: Gottfried Evers)

Was brachte dich auf die Idee ihrer Porzellangüsse, die sich in so vielen deiner Installationen und Performances finden?

Barbara: Innerhalb meiner künstlerischen Ausbildung verbrachte ich auch eine Zeit in Limoges, einem wichtigen Zentrum der französischen Porzellanmanufaktur, um dort dieses Handwerk zu erlernen. Hervorgerufen durch den ästhetischen Aspekt des Materials, dessen strahlendes Weiß einen starken Kontrast zu den Ursprungsfarben der Kartoffel bildete, kam ich auf die Idee. Über den Guss konnte ich die Banalität der Knolle in etwas optisch Wertiges verwandeln, das in seiner Transformation plötzlich an kostbare Marmorsteine erinnerte. Darüber hinaus war es auch die Zusammensetzung des Materials, die für mich ideal war. Es besteht in erster Linie aus Karotin, einem Ton, der auch aus der Erde stammt.

links: Beispiele von Installationen und Performances in Ausstellungssituationen, rechts: Performance auf einem Militärwall an der Atlantikküste

Die gesamte Vielfalt deiner künstlerischen Auseinandersetzung rund um das Thema Kartoffel wurde 2017 in der Ausstellung 365 – Geschichten vom Niederrhein auf Schloss Moyland präsentiert, das mit der weltweit größten Sammlung von Joseph Beuys als so etwas wie sein Heimat-Museum gilt. Auch Beuys setzte sich intensiv mit der Wechselwirkung von Mensch und Natur in seinem Werk auseinander und stammt ebenso wie du aus Kleve. Zufall?

Barbara: Nein. Absolut kein Zufall! Er war und ist für mich einer der wesentlichen Impulsgeber für meine Arbeit. Ich war sogar auf demselben Gymnasium wie er [verrät sie augenzwinkernd]. Auf Schloss Moyland ausstellen zu dürfen, war für mich deshalb etwas ganz Besonderes – räumlich und zeitlich ein runder Abschluss eines bedeutenden sowohl künstlerischen als auch persönlichen Lebenszyklus.

Wie war das noch mit der Wechselwirkung und Verbindung aller Elemente zueinander, frage ich mich abschließend. Mit der Kunst von Barbara Schroeder habe ich nicht nur eine kennengelernt, die sich im Zyklus von Raum und Zeit bewegt, sondern die Kunst auch wieder einmal als etwas kennengelernt, das zum Träumen und Philosophieren einlädt.

Mit einem letzten Blick auf den strahlend blauen Himmel verlasse ich – ein kleines bisschen wehmütig – diesen friedvollen, nostalgischen Ort.

Weitere Informationen

… über die Künstlerin: http://www.barbaraschroeder.com

… über die SAFFCA Foundation: https://saffca.com/

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