Arne Quinze

Protestkunst in wunderschöner Verpackung

Fotos: Markus Schwer, Dave Bruel

Belgien, Sint-Martens-Latem. Vorab sei erwähnt, dass ich heute einen Künstler besuche, dessen Werke ich noch nie live gesehen, die mir nur durch die Bilder seines Instagram Accounts bekannt sind. Ein gewagtes Experiment!

Ich weiß nicht zu sagen, mit welchen Erwartungen ich hier angereist bin, aber das, was mir beim Betreten des Wohn- und Atelierhauses von Arne Quinze begegnet, ist es definitiv nicht. Der Titel der Broschüre Welcome to my world, die ich auf einem Tisch liegen sehe, trifft den Kern.

Es ist eine andere Welt. Irgendetwas zwischen Wunderkammer und Entwicklungslabor. Sorgsam arrangiert finden sich hier auf individuell gefertigten Tischen, auf Regalen oder an den Wänden, umrahmt von riesigen Gemälden, unzählige Modelle bereits ausgeführter oder noch in der Planung befindlicher Skulpturen. Punktuelles Licht setzt die gewaltige Farb- und Formenvielfalt der Objekte wie auf einer Bühne in Szene. In jedem Winkel gibt es etwas zu entdecken. Vereinzelt auch inselartig angelegte Arbeitsplätze.

Arne Quinzes Frage, was ich denn genau wissen möchte, überfordert mich. Wo soll ich anfangen? Ausnahmsweise wünsche ich mir ein bisschen mehr Vorbereitung. Glücklicherweise legt er einfach los und erzählt von seiner Leitidee.

„In meiner Kunst geht es vor allem um die Verbindung von Natur und Zivilisation. Seit dem Jahr meiner Geburt, 1971, wurden 30 Prozent unserer Flora und Fauna zerstört. Mit meinen Arbeiten möchte ich die Aufmerksamkeit auf die Schönheit und Energie der Natur lenken. Darstellen, wie sehr sie unser Leben bereichert, wie schützenswert sie ist. Die Tristesse der meist kargen Großstädte lässt die Menschen diese Schönheit oft vergessen und achtlos mit ihr umgehen. Mit meinen Skulpturen, die auf der Farb- und Formenvielfalt der Natur basieren, setze ich hier einen Gegenpol. Um möglichst viele Menschen mit dieser Idee erreichen zu können, sind meine Skulpturen überwiegend im öffentlichen Raum über die gesamte Welt verteilt zu finden. Für mich ist es sehr wichtig, dass Kultur nicht nur in den hierfür typischen Einrichtungen, sondern auch Open-air für jedermann zugänglich ist. Wie beispielsweise dieses Stilt house, das in Kürze in São Paolo, Brasilien installiert werden wird. In 75 Metern Höhe wird die Skulptur, umgeben von Wolkenkratzern, ihr eigenes Statement setzen.“

Wir schauen uns gemeinsam das Modell an. Eine Unterkonstruktion aus filigranen, vertikal ausgerichteten Stahlstäben führt hinauf zu gegeneinander ausgerichteten Bündeln horizontaler Stäbe und Flechtwerke. Insbesondere das Auf- und Auseinanderstreben der Form, sowie die knalligen Farben, verschaffen dem Gebilde eine explosive Dynamik. Seltsamerweise wirkt die Skulptur zugleich wackelig und stabil. Sie erinnert an einen exotischen Vogel auf langen, dünnen Beinen.

Das Thema Natur, versinnbildlicht als Gute-Laune- und Energieressource, ist in allen hier zu sehenden Arbeiten unschwer zu erkennen.

„Gibt es konkrete Vorlagen aus denen die Ideen entwickelt werden“, frage ich.

Quinze: „Ja. Alles basiert auf Dingen, die ich in der freien Natur oder in meinem Garten entdecke, abstrahiere und transformiere. Vor sechs Jahren habe ich mehr als 6.000 Pflanzen und Blumen um mein Haus herum gepflanzt, um ihr Wachstum und ihre Verwandlungen innerhalb der Jahreszeiten studieren zu können. So sind auch die Lupines-Skulpturen und Gemälde Twelve Months meiner aktuellen Werksserie My Secret Garden entstanden. Inspiriert von der Blüte der Lupine habe ich für die Skulpturen zunächst Modelle aus Papier entwickelt. Im nächsten Schritt sind die Modelle dann digitalisiert und statisch berechnet worden, bevor sie schließlich in unserem Produktionsatelier in Aluminium gefertigt und abschließend von mir bemalt wurden.“

„Bei den Gemälden Twelve Months war es vor allem die unterschiedliche Licht- und Farbstimmung in meinem Garten, die mich inspiriert und dazu herausgefordert hat, diese einzufangen und auf die Leinwand zu übertragen.“

Wir blättern gemeinsam durch seinen frisch erschienenen Katalog. Abbildungen seiner sechs Lupines-Skulpturen, die gerade vor dem Wissenschaftlichen Museum in Valencia installiert wurden sind darin ebenso zu sehen, wie eine Übersicht seiner bevorstehenden Projektrealisierungen. Ich zähle zwölf, verteilt auf verschiedene Kontinente.

„Findest du bei diesem Arbeitspensum noch Zeit für dein Privatleben?“

Quinze: „Es gibt für mich keine Grenze zwischen Privat und Arbeiten. Deshalb ist es für mich auch wichtig, dass meine Kinder hier völlig selbstverständlich mit meiner Kunst aufwachsen können. Wohnbereich und Atelier sind miteinander verbunden, sodass für sie eine offene Plattform der Kommunikation geschaffen ist.“

Eine Führung durch den Wohnbereich lässt erkennen, dass hier nicht nur mit Kunst gelebt wird, sondern auch das gesamte Interieur opulent und barock die Natur zu verkörpern scheint. Jeder der individuell gestalteten Räume verbreitet eine andere Stimmung und spiegelt die Ideologie des Hausherrn. Auffallend sind auch die vielen Bücher, die überall zu sehen sind.

„Ich lese sehr viel. Insgesamt sind hier 2.000 Bücher versammelt“, erzählt Arne Quinze, „die ich auch alle kenne“, ergänzt er augenzwinkernd meinem leicht skeptischen Blick folgend.

Diese Frage muss ich jetzt unbedingt loswerden: „Hat dein Tag mehr als 24 Stunden?“

Quinze: „Es ist alles eine Frage der Organisation, aber vor allem der Einstellung. Ich mache einfach alles, was ich machen möchte und lehne ab, was ich nicht machen möchte. Kunst ist meine Passion und deshalb ein Teil von mir. Meine Leitidee, Skulpturen im öffentlichen Raum zu installieren, die über ihre Assoziationen zur Schönheit der Natur einen kulturellen Diskurs anregen können, treibt mich an.“

„Wird nach Abschluss eines Projekts nachgefasst, ob und gegebenenfalls welche Reaktionen hervorgerufen werden konnten?“

Quinze: „Das passiert ohne mein Zutun. Jeden Tag erreichen uns unzählige Dankesbriefe, oft gespickt mit Fotos der Absender, die vor den jeweiligen Skulpturen posieren. Natürlich gibt es auch negative Reaktionen. Das stört mich aber nicht. Ich möchte keine Kunst machen, die jedem gefällt, sondern die zum Dialog und im besten Fall zu einer veränderten Haltung im Umgang mit der Natur anregt.“

Demnach eine Kunst, die das Ziel hat, gestaltend auf das gesellschaftliche Handeln einzuwirken. An dieser Stelle drängt sich ein Ausflug in die Kunstgeschichte einfach auf. Denn dahinter verbirgt sich eine Utopie, die an die Theorie der sozialen Plastik von Joseph Beuys erinnert. Während Beuys sich jedoch mit künstlerischen Interventionen für eine nachhaltige Veränderung des urbanen Lebensraums einsetzte, sind es bei Arne Quinze die Skulpturen selbst, die mittels ihrer positiven, energiegeladenen Ästhetik eine solche Veränderung hervorzurufen beabsichtigen.

Protestkunst in wunderschöner Verpackung oder vielleicht doch eine neue Form sozialer Plastik?

Weitere Informationen

… über den Künstler: http://arnequinze.com/en

… über seine Galerie Maruani Mercier: https://maruanimercier.com