Elke Backes im Atelier von Johannes Gehrke

Johannes Gehrke

Operation Edelstein – EIN MENSCH EIN RAUM.
Johannes Gehrke mit Blick in den SCHREIN

Johannes Gehrke mit Blick in den SCHREIN

Vorbei an satten Wiesen und grünen Wäldern führt uns der Weg nach Hundscheidt, Gemeinde Friesenhagen, im Wildenburger Land. Am Ende einer schmalen Straße ein großer Hof. Ein zur Hälfte zugewachsenes Schild verweist auf die Akademie für Subsistenz und ganzheitliche Lebensführung. Sind wir hier richtig? Das Tor einer Scheune öffnet sich. Heraus tritt Johannes Gehrke. Neben ihm sein Bruder Christoph.

Wie ich später erfahren werde, ist er derjenige, der sich mit diesem Hof seinen Traum einer weitgehend autarken Lebensführung verwirklicht. So erklärt sich dann auch die Aufschrift des Schildes. Ebenfalls dabei: Johannes’ Galerist und Förderer Kai Brückner, der diesen Besuch möglich gemacht hat.

Szenenwechsel.

Inmitten dieses ländlichen Idylls öffnet sich uns eine neue Welt. Blinkende skurrile Plastiken, umrahmt von großformatigen Gemälden, lenken unseren Blick. Ein futuristischer Flugkörper, die amerikanische Freiheitsstatue im Blümchenrock, ein seltsames Konstrukt aus unterschiedlichsten Formen von Straßenlaternen … Prototypen für eine Neuauflage von Alice im Wunderland?

Johannes Gehrke, FIGURINE-MISS LIBERTY

FIGURINE-MISS LIBERTY (2004)

Ich trete näher heran und beginne, die seltsamen Gebilde zu zerlegen. Nach und nach entdecke ich in den jeweiligen Aufbauten bekannte Dinge des Alltags: Toaster, Waschmaschinentrommeln, Fahrradlampen, Autofelgen, Antennen, Toilettenbürsten, Kreisel, Eierbecher … Offensichtlich hat hier nicht die einstige Funktion der Gegenstände ihre neue Verwendung bestimmt, sondern die Form. Eine Waschmaschinentrommel wird so zum Brustkorb, gängige Küchenreiben zu Flügeln oder Blockflöten zu Turbinen. Und überall diese verführerischen Knöpfchen. Ob ich einfach mal drücken soll? Gehrke folgt meinem Blick und erlöst mich aus quälender Neugierde. Die Vorführung beginnt. Es blinkt, rattert und dampft. Dahinter steckt eine akribisch ausgetüftelte analoge Steuerungstechnik, die zum Teil sichtbar zum Teil auch versteckt im Inneren der Plastik verbaut ist. Mit spielerischer Freude demonstriert Gehrke die Interaktivität seiner Plastiken und erläutert ihre Rollen innerhalb der komplexen Geschichte Operation Edelstein. Die zuvor noch roboterartigen Maschinen werden aus ihrer Anonymität befreit und scheinen lebendig zu werden. Wir tauchen ein in das fantastische Paralleluniversum des Johannes Gehrke.

Bild 1: RECORD-APPARAT (2016) – Bild 2:    – Bild 3: ZEIT-RAUM-FLIEGER (2002)

Ausgangspunkt der Geschichte, die 1986 ihren Anfang nahm, ist ein missglücktes Gen-Experiment. Ein Glückskäfer, der die Welt mit allem erdenklich Guten überschwemmen sollte, mutiert zu einem Ungetüm, dem P.I.M.S, das den Menschen das Leben auf der Erde zur Hölle werden lässt. Innerhalb der einzelnen Episoden, die bis 2014 kontinuierlich fortgesetzt wurden, spiegeln sich zentrale Themen der sich stetig globalisierenden Welt. Erstaunlich vorausschauend erkennt Gehrke die Gefahren späterer umweltpolitischer Entscheidungen, die Gefahr der voranschreitenden Technisierung und die Macht des Informations- und Kommunikationsaustausches, die aktuell auf beängstigende Art und Weise unsere gesellschaftliche Entwicklung zu beherrschen scheint. Nachzulesen sind die einzelnen Episoden in der sogenannten Geschichte-Mappe Gehrkes, die den ersten Teil des gesamten Werkkomplexes bildet. Gespannt öffne ich die großformatige Mappe, stülpe mir die darin liegenden weißen Handschuhe über und schaue mir einzelne der Story-Blätter an: Es ist irgendetwas zwischen Drehbuch, Storyboard und Comic – so viel steht fest: Der Text in sorgfältiger Handschrift, die Zeichnungen bis ins feinste und kleinste Detail ausgearbeitet. Häufig erkenne ich das Portrait Gehrkes in einzelnen Figuren oder auch die Gesichter bekannter Politiker. Besonderen Spaß macht es dann, die fantastischen Figuren wiederzuentdecken, die ich noch kurz zuvor als dreidimensionale Plastik kennengelernt habe. Was war zuerst da, frage ich, Text oder Figur? „Es ist ganz klar der Text, der die Figur bestimmt“, antwortet Gehrke. Wie die Figur sich jedoch im Detail entwickelt, ist am Anfang noch nicht klar. Das sei Teil des Schaffensprozesses.

Habe ich mir auch so vorgestellt. Entsprechend sehen bestimmt auch die Atelierräume aus: Ein wildes Durcheinander von Dingen, die nach dem Zufallsprinzip auf eine mögliche Verwendung warten. Mit entsprechender Erwartungshaltung setze ich meinen Weg fort. Doch ich liege restlos falsch. Einem gut sortierten Baumarkt ähnlich befinden sich in raumhohen Regalen unzählige sorgfältig beschriftete Kisten, nebenan das eigentliche Atelier, das eher einem Ingenieurbüro als einem klassischen Künstleratelier ähnelt. An der Wand die Konstruktionszeichnung der aktuellen Plastik RECORD-APPARAT. Es lohnt sich, auch auf diese Zeichnung einen genaueren Blick zu werfen, da hier die einzelnen Phasen des Werksprozesses nachvollziehbar werden. Ein erstes pyramidenartiges Grundgerüst ist darauf zu sehen, das sich dann auf einzelnen Blättern collagenhaft weiterentwickelt. Ergänzungen oder auch Schaltpläne werden erst gezeichnet und dann auf die entsprechende Stelle aufgeklebt. „Das dient vor allem dazu, die technischen Funktionen zu dokumentieren. Alles muss nachvollziehbar bleiben“, so Gehrke. Erstaunlich ist, dass es sich hier nicht einfach um Entwurfsskizzen handelt, sondern dass die Zeichnung bereits in der Qualität entsteht, die sich später in der Mappe wiederfinden wird.

Johannes Gehrke

Atelierimpressionen

Geschichte-Mappe, Gemälde, Plastiken, ein Skript. Und was ist nun das Ziel des großen Ganzen? Entsteht hier vielleicht Videokunst auf analoger Basis? – Völlig daneben. Mögliche Antworten liefert der SCHREIN, eine umgebaute Kommode mit puppenstubenartigem Aufbau. „Hierin befindet sich das Gedankenzentrum des gesamten Werkkomplexes, das Allerheiligste“, wird mir erklärt. Deutlich erkenne ich in seinem Aufbau die Ausstellungshalle eines Museums in Miniatur, ein dort angrenzender Raum ist mit dem Wort DOMBAUHÜTTE betitelt. Bei Dombauhütte denke ich an Kathedralen, den Ursprung des Kunsthandwerks, den Ursprung der Auftragskunst. Sie versinnbildliche sein Atelier, so Gehrke. Aber er ist doch weder Kunsthandwerker noch Auftragskünstler, stelle ich irritiert fest und schaue mir genauer an, was in der Miniatur-Ausstellungshalle ausgestellt ist.

Es ist natürlich die Ausstellung Operation Edelstein (s. Foto Gehrke beim Blick in den SCHREIN). Die zweidimensional erzählte Geschichte wird hier nun dreidimensional erzählt. Der Zusatz EIN MENSCH EIN RAUM, der die Objektbeschriftung hier ergänzt, beschreibt die ganzheitliche, architektonische Installation. Ebenfalls in Miniaturgröße baumeln diverse Flugkörper von der Decke herab, bilden P.I.M.S., Glückskäfer und Co. das Set einzelner Szenen, rahmen Gemälde im oberen Bereich der Ausstellungshalle die Szenarien ein und lassen uns in ihrer Gesamtheit eintauchen in die scheinbar fantastische, von Technik dominierte Welt der Operation Edelstein, die es hier für den Museumsbesucher zu erkunden gilt. In der Vorstellung dieser spielerischen interaktiven Erkundungstour schießen mir plötzlich verwirrende Fragen in den Kopf: Wer steuert hier eigentlich wen oder was? Verrät die Wahl des Knöpfchens, das wir zur Erkundung ausgewählt haben, etwas über uns selbst? Ich denke an die Kommunikationsverfolgung, denen wir bei Nutzung der digitalen Welt ausgesetzt sind. Ist vielleicht das missglückte Genexperiment als Analogie und Kern des gesamten Werkkomplexes zu lesen?

EIN MENSCH EIN RAUM heißt es im Titel. Raum klingt plötzlich so eng. Ist Operation Edelstein als Gehrkes Reflexion einer sich rasant verändernden Welt zu lesen? Oder aber vielleicht als manipulatives Machtzentrum, dem er selbst sich und die gesamte Menschheit ausgesetzt sieht? In dem wir gefangen sind ohne uns seiner bewusst zu sein? Wer oder was sitzt an den Hebeln dieses Machtzentrums? Wer steuert wen? Mir wird bewusst, welche Interpretationsspielräume sich hier eröffnen, auf welch vielschichtige Weise diese Ausstellung wahrgenommen und erlebt werden könnte.

Ebenso wird mir bewusst, dass es für diese Art Kunst noch keinen Namen gibt. Noch nicht einmal ein: „Das ist ein bisschen wie … “. Es ist etwas völlig Neues. Wir verlassen die Atelierräume, verlassen das Paralleluniversum von Johannes Gehrke und betreten nun das Paralleluniversum von Christoph Gehrke. Nachdem der angriffslustige Ganter sich als Chef des Außengeländes zu erkennen gegeben hat und vertrieben ist, setzen wir unseren Weg fort zum Teich, der sich inmitten des ökologischen Areals befindet. Dort warten nicht nur Kaffee und Kuchen auf uns, sondern auch die Zutaten für unser Abendessen. Während Kai Brückner, Johannes Gehrke und ich noch eifrig über die Frage diskutieren, warum diese Kunst bisher weitestgehend unentdeckt blieb und keine Antworten finden, erntet mein Mann Peter Kartoffeln und dicke Bohnen und erörtert derweil mit Christoph Gehrke Fragen der autarken Lebensführung.

Wie köstlich ökologisch angebautes Gemüse schmeckt, weiß ich jetzt. Wie es ist, Teil der Geschichte Operation Edelstein zu werden hingegen nicht. Abschließend daher mein Aufruf an alle Ausstellungsmacher und Museumsdirektoren: Schafft Raum für dieses interaktive Gesamtkunstwerk!

Johannes Gehrke und Elke Backes

Johannes Gehrke und Elke Backes

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