Wim Botha

Nichts ist, wie es scheint

Fotos: Karl Rogers

Kapstadt. Es war die Ausstellung Heliostat in der Norval Foundation, die mich derart überwältigt hat, dass ich diesen Künstler unbedingt persönlich kennenlernen wollte. Das Werk von Wim Botha, das auch international regelmäßig in Ausstellungen Beachtung findet, wurde hier mit einer gigantischen Solo show in Szene gesetzt.

Heliostat, Ausstellung in der Norval Foundation (2019)

Sehr gespannt fahre ich nun nach Kommetjie, um den Künstler in seinem Atelier zu besuchen.

Der Ort liegt unmittelbar an der Atlantikküste, südwestlich der Metropole Kapstadt. Das Atelier befindet sich in einer unscheinbaren Lagerhalle inmitten eines kleinen Areals mit verschiedenen Fertigungsbetrieben. Gespannt betrete ich die „heiligen Hallen“, wo ich von Wim Botha begrüßt werde.

Würden nicht vereinzelt die für ihn typischen Kunstwerke zu sehen sein, glaubte ich mich eher in einer gut ausgestatteten Tischlerei, denn in einem Künstleratelier zu befinden. Bei näherem Hinschauen lassen sich dann aber doch konkrete Bezüge zu seinen Arbeiten erkennen. Da sind zum einen die ordentlich gestapelten Bücher, die vermutlich irgendwann den Aufbau einer Skulptur bestimmen werden. Dann die Ansammlungen von Holzlatten – dem Material, das er zu Einrichtungsgegenständen oder auch Installationen verarbeitet. Und nicht zuletzt Stapel von Styroporplatten, die in seinen Skulpturen sowohl Naturstein oder Bronze vortäuschen als auch zu Grundformen für spätere Bronzeskulpturen gestaltet werden.

So auch bei den schwarzen, auf dem Arbeitstisch positionierten Objekten aus Styropor, die ich mir jetzt aus der Nähe ansehe. Hierbei passiert etwas Seltsames: Einzeln betrachtet, erinnern sie mich in ihrer Scharfkantigkeit und Expressivität an Bruchstücke eines Gebirges oder aber Zitate des Konstruktivismus. Als Gruppe hingegen entwickeln sie etwas, das mich an verbrannte Engelsflügel einer Renaissance-Skulptur denken lässt.

Bevor wir uns inhaltlichen Fragen zuwenden, nutze ich die Chance, hier auch etwas über den technischen Prozess erfahren zu können.

„Wie gelingen dir diese derart sauberen Kanten“, lautet meine erste Frage, mit der wir ins Gespräch einsteigen.

„Mit einem schlichten Werkzeug, das ich in zwei Größen für diesen Zweck gebaut habe. Hiermit kann ich einen Draht unter Widerstand setzen und unter Strom erhitzen. Grundsätzlich ein einfaches Verfahren, man muss nur mit der Temperatur wahnsinnig aufpassen. Ansonsten kann sehr schnell die gesamte Arbeit ruiniert sein“, antwortet er lachend.

„Du baust dein Werkzeug selbst“, frage ich erstaunt nach.

„Manchmal ja. Manchmal reicht es auch, Maschinen für meine Zwecke nur ein wenig umzubauen.“

Das gesamte Interieur des Ateliers wirkt sehr individuell und ist vermutlich selbstgezimmert, stelle ich gerade fest.

Wir wechseln in den angrenzenden Büroraum. Während Wim Botha Kaffee zubereitet, schaue ich mich um. Auf der Fensterbank und in den Regalen stehen Miniatur-Modelle der Skulpturen, die ich teilweise in seiner Ausstellung gesehen habe. An den Wänden meine ich Zeichnungen seiner Altarpieces zu erkennen, die mich sowohl in ihrem Bildmotiv als auch in ihrer Linienführung an Kunst aus dem Barock erinnern. Ihnen gegenüber hängt eine große Tafel, auf der viele Notizen und kleine Skizzen zu erkennen sind und die offensichtlich als Mind-Map fungiert. Völlig in ihren Bann zieht mich schließlich eine von einer Glashaube geschützte Büste. Aus Holz gefertigt, in ihrer Farbgebung teils naturbelassen, teils geschwärzt, sind es vor allem die zarten weißen Kristalle, die ihr etwas Geheimnisvolles, sehr Fragiles verleihen.

„Sie sieht leider nicht nur fragil aus“, verrät Wim Botha „Bei der Fertigung habe ich nicht beachtet, dass sich das Holz ausdehnt, die Salzkristalle aber nicht. Soll heißen, sie ist nicht transportfähig“, ergänzt er mit leichter Verzweiflung in der Stimme.

„Vielleicht ein Beispiel dafür, dass sich deine Ideen prozessual entwickeln?“ Wir setzen uns gemeinsam an den Tisch und beginnen sofort mit dem Interview.

Botha: Ja. Stimmt. In meiner früheren Arbeitsweise wäre das nicht passiert. Da bin ich mit einer konkreten Idee an die Ausführung herangegangen. Das war mir aber irgendwann zu wenig. Alles war zu vorhersehbar. Zunehmend wichtiger wurden für mich genau die unvorhersehbaren Transformationen, die sich während der Werkentstehung entwickeln.

Als Beispiel könnte man hier deine Pietà Nachbildung aus Maismehl, die 2004 entstanden ist, deiner Dead Pietà aus 2015 gegenüberstellen, oder? Die erste war ein maßstabsgetreues Spiegelbild, die zweite eine abstrahierte, stark expressive Neuinterpretation. Die beiden Skulpturen zeigen auch, dass du gern mit christlichen Ikonen der Kunstgeschichte oder – wie in den Altarpieces hier – mit dem Skelett als klassischem Vanitas Motiv arbeitest. Warum?

links: Joburg Altarpiece (2009), unten rechts.: Mieliepap Pietà (2004), oben rechts.: Dead Pietà (2015)

Botha: Grundsätzlich spiele ich gern mit Assoziationen oder vermeintlichem Wissen. Zwischen dem, was man sieht und erlebt und dem, was man glaubt zu wissen, entstehen Reibungen, die interessante mentale Prozesse auslösen. Eine Ikone wie die Pietà oder das Motiv des Skelettes sind aufgrund des Wissens darüber derart emotional aufgeladen, dass ich über die Anwendung dieser Motive eine Atmosphäre kreieren kann, die uns zu neuen Auseinandersetzungen anregt.

Und welche Funktion erfüllen die Bücher, die du aneinander schichtest und mit Stahlstiften verbunden in menschliche Formen verwandelst?

Botha: Da ich häufig Enzyklopädien verwende, handelt es sich um Bücher, die ursprünglich einmal für die Ewigkeit geschaffen worden waren. Bücher eines mittlerweile vielfach überholten Wissens, einer vergangenen Wahrheit. Indem ich solcherart Bücher transformiert in diesen Formen verwende, erforsche ich die Haltbarkeit von Wissen und Wahrheit oder besser gesagt das, was wir darunter verstehen.

Study for the Epic Mundane (2013)

Inwiefern spielt generell die Materialität deiner Skulpturen eine Rolle? Warum werden beispielsweise billige Holzpaneele als Sockel für deine Bronzeskulpturen genutzt?

Botha: Hierbei geht es mir wieder um Assoziationen. In diesem Fall um diejenigen, die wir mit Materialität in Verbindung bringen. Bronze wird automatisch mit Wertigkeit und Langlebigkeit in Verbindung gebracht, weil sie sowohl schwer als auch aufgrund ihrer Anwendung innerhalb der Kunstgeschichte ein ideologisch aufgeladenes Material ist. Styropor ist genau das Gegenteil. Ein billiges, leichtes Massenprodukt, das für Verpackungen genutzt wird. In Sachen Haltbarkeit steht es vielen in der Bildhauerei angewandten Materialien fast in nichts nach. Mit seiner Halbwertzeit von 1000 Jahren ist es sogar haltbarer als Bronze. Ein ökologisches Desaster. Indem ich dieses billige Material für meine bildhauerischen Arbeiten und sogar als Form für einen Bronzeguss nutze, möchte ich dazu anregen, herkömmliche Deutungen von Wertigkeit zu hinterfragen. Mit dem Paneel als Sockel wird dieser Gedanke fortgeführt.

Abschlussfrage: War das Spiel mit Reflexion und Licht in Heliostat erstmals Bestandteil einer deiner Ausstellungen?

Botha: Nein. Aber es war mein bisher größtes Experiment mit Licht. Mit den Positionierungen und den hiermit verbundenen Reflexionen der Spiegel konnte ich Objekte zerlegen, verdecken oder mit anderen Arbeiten überlagern, sodass ich hiermit nicht nur konzeptionell, sondern auch physisch darstellen konnte, dass es noch weitere Ebenen als die Offensichtlichen gibt.

 

Ohne Zweifel geht es insgesamt um Reflexion. Darum, scheinbare Realitäten in Frage zu stellen und sich nicht einzig auf das uns vorgegebene Wissen zu verlassen. Mit seinem Mix aus Bekanntem und Fremdem kreiert Wim Botha Bildwelten, die nur individuell zu entschlüsseln sind, für die es deshalb keine endgültigen Wahrheiten geben kann.

Nichts ist, wie es scheint …

Weitere Informationen

… über den Künstler: wim-botha

… über die Ausstellung Heliostat in der Norval Foundation: heliostat-wim-botha

… zur nächsten Ausstellung im North Carolina Museum of Art: Still Life with Discontent