Stanislaw Trzebinski

Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer

Atelierfotos: Karl Rogers

Kapstadt. Etwa so könnte das Interieur der Nautilus von Kapitän Nemo in einer Neuverfilmung des Jules Verne-Klassikers Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer aussehen, denke ich beim Betreten des Ausstellungsraumes. Geheimnisvoll vor dunklem Hintergrund in Szene gesetzt, erheben sich die fantastisch anmutenden Skulpturen und das Mobiliar des erst 27-jährigen Artdesigners Stanislaw Trzebinski. Die Skulpturen erscheinen wie fossilierte Meerestiere und Pflanzen, die zunächst vom Meeresboden geborgen, dann in Bronze gegossen und abschießend durch die Injektion von Leuchtstäben oder -strängen wieder zum Leben erweckt wurden. Auch die Form der Füße des imposanten Esstisches und die Struktur der außergewöhnlichen Kupferplatten an der Wand wirken wie organisch gewachsene Gebilde.

Installationsansichten der Ausstellung „In the Absence of light“, Southern Guild Gallery (Fotos: Hayden Philipps)

Sind es nun überwiegend ästhetische oder künstlerische Ansätze, denen der Künstler folgt? Zeit für einen weiteren Atelierbesuch im Szeneviertel Woodstock, genauer gesagt in der Woodstock Foundry

Als eines der dort ausgebauten Lofts präsentiert sich das Atelier von Stanislaw Trzebinski in einem großzügigen Mix aus Werkstatt und Showroom. Während in seiner Ausstellung überwiegend abstrakte Werke ausgestellt sind, zeigen sich hier verschiedenste Varianten figurativer Darstellungen menschlicher Bildnisse. Zu sehen sind mystische Mischwesen, die an mythologische Figurendarstellungen erinnern, Büsten, die sich in schmalen Schichten zur Form ausbilden oder auch Figuren in menschlicher Statur, die aber aus Korallen gewachsen zu sein scheinen.

Einblick in das Atelier/Showroom

Aktuell modelliert er an einer surreal anmutenden Form, die an der Decke aufgehängt ist. Auf den Werkbänken finden sich, neben dem für bildhauerische Arbeiten typischen Equipment, bereits für den Guss fertig gestellte sowie noch im Prozess befindliche Modelle in Wachs oder Gips. So auch eine Ansammlung kleiner Totenköpfe … Stanislaw folgt meinem fragwürdigen Blick und beginnt zu erzählen.

Stanislaw: Ich weiß noch nicht genau, wo ich sie unterbringe [lacht]. Mal schauen. Im Moment arbeite ich sehr intuitiv. Deshalb sind meine aktuellen Werke auch überwiegend abstrakt, was eine wunderbare Abwechslung ist. Ich kann meinen Ideen frei folgen, es gibt keine Referenz. Ich muss entsprechend nicht in Abstimmung zu einem Livemodell oder Foto arbeiten wie bei den meisten meiner bisherigen Werke, die eher klassisch inspiriert sind.

Apropos Inspiration. Was hat es denn mit der erkennbaren Inspiration der Unterwasserwelten auf sich?

Stanislaw: Die lässt sich leicht erklären. Ich wurde in Mombasa geboren und bin in Nairobi aufgewachsen. So oft es ging ist meine Familie dem städtischen Treiben entflohen, um so viel Zeit wie möglich in der Wildnis des Naturschutzgebietes Rift Valley an der Kenianischen Küste zu verbringen. Ich habe sehr früh tauchen gelernt und hierbei die Faszination der Unterwasserwelten für mich entdeckt. Nach der Highschool hat es ich mich ausgerechnet ins hektische New York verschlagen, wo ich am Pratt Institute begonnen habe Bildhauerei zu studieren. Sehr schnell musste ich feststellen, dass meine Kreativität mit den Menschen und der Natur Afrikas verbunden war und ich dort [in New York] völlig fehl am Platze war. Deshalb bin nach kurzer Zeit nach Afrika zurückgekehrt und nach Kapstadt gezogen, wo ich seitdem autodidaktisch im Medium der Bildhauerei arbeite.

Und in diesem Medium Fragestellungen um die Beziehung von Mensch und Natur thematisierst?

Stanislaw: Ja genau. Es geht mir um die Entfremdung und Abkapselung des Menschen von der Natur, wie ich sie beispielsweise in New York sehr stark erlebt habe. Wenn man in Kenia aufwächst, spürt man eine fast selbstverständliche Verbindung, weil man ständig von Natur umgeben ist. In New York City nicht. Auch wenn mit den großen Klimaschutzbewegungen ein Wandel zu erkennen ist, glaube ich dennoch, dass vielen – insbesondere jungen Menschen – das Bewusstsein verloren geht, die Natur als etwas wahrzunehmen, das ganz wesentlich mit der menschlichen Existenz im Zusammenhang steht. Mit meinen Werken verbildliche ich diesen Zusammenhang, um letztlich zur Auseinandersetzung anzuregen.

Was sich sehr deutlich beispielsweise an deinen Korallen-Skulpturen erkennen lässt. Eine menschliche Statur, geformt aus Korallen, die in ihrem typischen Skelett gleichzeitig an die Struktur menschlicher Sehnen und Muskulatur erinnert. Neben der Form ist es aber vor allem die hellgrüne Patinierung, die das Bild einer Koralle unterstreicht. Welche Rolle spielen das Material und die Farbe in deinen Arbeiten?

“Full Coral Figure – Version 1” Collaboration with Charles Haupt, Medium: Bronze

Stanislaw: Die Eigenschaften des Materials sind es, die für mich von besonderer Bedeutung sind und deshalb eine große Rolle spielen. Bronze ist ein Material, das zwar dauerhaft ist, aber gleichzeitig über die Einflüsse seiner Umgebung einem stetigen Wandlungsprozess unterlegen ist. Wie die Natur. Die Patinierung der Bronze macht es mir möglich, Spuren von Zeit- und Umgebungseinflüssen zu simulieren und hiermit über das Material und die Farbe den Prozess von Veränderung und Wandlung, der letztlich alles Organische definiert, zu symbolisieren.

Ist die Verwendung von Messingplatten auch auf eine symbolische Bedeutung zurückzuführen?

Stanislaw: Nein. Hierbei sind es die unvorhersehbaren, geradezu alchemistischen Vorgänge – die fantastischen Strukturen, die sich innerhalb des chemischen Prozesses der Ätzradierung auf den Platten entwickeln, die mich das Material entdecken ließen. Gerade habe ich eine Radierung in Bearbeitung. Vielleicht gehen wir einfach mal in die Werkstatt hinunter? Dann lässt sich das Ganze leichter zeigen und erklären.

Gesagt, getan. In der Werkstatt angekommen streift Stanislaw Gummihandschuhe über und holt eine Radierplatte zur Ansicht aus der Lauge heraus.

Demonstration einer Ätzradierung in der Werkstatt

Stanislaw: Auf die Platte habe ich zunächst meine Zeichnung nach einer von mir entwickelten Geheimmethode aufgetragen; danach in dieses Bad mit der Ätzflüssigkeit gelegt. Von der Flüssigkeit angegriffen werden nur die Stellen, an welchen das Messing freiliegt. Wenn ich mit der Tiefe des Ätzens zufrieden bin, wird die Platte gespült, die Deckschicht entfernt und hiermit die Grundlage für einen Papierabzug geschaffen, wie es das klassische Druckverfahren der Radierung vorsieht. Zu diesem Zweck hatte ich das Verfahren ursprünglich auch angewendet. Oben hängen einige dieser Papierabzüge. Als die Druckplatten dann entsorgt werden sollten, konnte ich mich aber nicht dazu durchringen mich von ihnen zu trennen. Mir wurde plötzlich die Schönheit der Platten bewusst. Eine Schönheit, die ein Papierabzug niemals hervorbringen würde. Ich begann mit der Oberfläche zu experimentieren, schliff einzelne Stellen ab, polierte andere auf, trug Chemikalien zur Patinierung auf … Es entstanden Strukturen, die an Sandböden oder Inkrustrationen erinnerten. Das war der Zeitpunkt, an dem ich erkannte, dass es die geätzte Platte selbst ist, die das Kunstwerk ist. Auf diese Art und Weise ist letztlich auch die Arbeit Fossilised Sea Bed entstanden, die gerade bei Southern Guild zu sehen ist.

Halio Archeopetro (Fossilised Sea Bed), Etched brass, archival epoxy coating, Four panels: 200 x 100 cm each (Foto: Hayden Philipps)

Eine letzte Frage: Wie vereinbarst du deinen insgesamt eher künstlerischen Anspruch mit der Gestaltung deiner Designmöbel?

Stanislaw: Ich ziehe hierbei keine Trennlinie. Der Übergang ist fließend. Mein Anspruch besteht darin, Emotionen auszulösen. Das kann bei der Betrachtung eines von mir designten, skulptural gestalteten Tisches ebenso bewirkt werden wie bei der Betrachtung einer figurativen Bronzestatue.

links: Esstisch im Haus von Stanislaw Trzebinskis Großmutter in Nairobi, rechts: Triton’s Table, Stained kiaat,    patinated bronze, Table top 150 x 150 x 16 cm and legs 45 cm

Wie lässt sich nun abschließend meine eingangs gestellte Frage, ob Stanislaw Trzebinski eher ästhetischen oder künstlerischen Ansätzen folgt, beantworten?

Vielleicht bedarf es auch zur Beantwortung dieser Frage nicht zwingend einer Trennlinie … ?

Weitere Informationen

… über den Künstler: https://www.stanislawtrzebinski.com

… über die Southern Guild Gallery: https://southernguild.co.za

… über The Woodstock Foundry: http://woodstockfoundry.co.za