Norval Foundation

Ein Museum als Ausflugsort

Fotos: Karl Rogers

Kapstadt. Mit der Eröffnung der Norval Foundation wurde im letzten Jahr erneut ein architektonisches wie konzeptuelles Highlight für Kulturliebhaber in Kapstadt geschaffen. Nachdem nur ein Jahr zuvor mit der Eröffnung des Zeitz Mocaa Museums erstmals internationale Aufmerksamkeit auf die bisher wenig beachtete afrikanische Gegenwartskunst gelenkt wurde, schuf man hier einen weiteren Ort, der sich der Erforschung und Präsentation der afrikanischen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts verpflichtet fühlt.

Gründerin dieser neuen Einrichtung ist die Familie Norval, die mit ihrer Norval Art Collection in den letzten zwei Jahrzehnten eine der führenden Kunstsammlungen Südafrikas aus dem 20. Jahrhundert aufbaute und diese um bedeutende Künstlersammlungen und Archivbestände erweitern konnte.

Sehr besonders sind zunächst Lage und Architektur der Foundation. Sie befindet sich unmittelbar neben dem Table Mountain National Park in der Region Steenberg und ist umgeben von einer wunderschönen Berg- und Weinberglandschaft. Das von DHK Architects entworfene Gebäude präsentiert sich in seiner streng geraden Linienführung und seiner offenen Bauweise als moderner eleganter Pavillon, der sich der Natur öffnet. Auf seiner Westseite sind viele Zugangsmöglichkeiten in den Skulpturengarten geschaffen worden, die die Verbindung zu den Galerieräumen herstellen. Ein für eine Museumsgastronomie flächenmäßig ungewöhnlich großzügig angelegtes Restaurant lädt zum Verweilen ein.

Schon von außen ist erkennbar: Hier ist kein Tempel der Kunst, sondern ein Ausflugsort geschaffen wurde, an dem Kultur erlebt werden kann. Das Veranstaltungsprogramm unterstreicht diese Absicht. Neben den für ein Kunstmuseum typischen Ausstellungen wird das Angebot hier um regelmäßige Konzerte oder Ballettaufführungen erweitert. Mehr zur Idee und zum Konzept erfahre ich im Gespräch mit der Direktorin des Museums, Elana Brundyn, die mich zunächst durch die Museumsräume führt.

Den Weg hinein in das Museum gibt die Rauminstallation Structural Response III des Künstlers Serge Alain Nitegeka vor. Sein zentrales Thema, die durch erzwungene Migration hervorgerufene Zerrissenheit, wird hier eindrucksvoll in eine künstlerische Form übertragen.

Bild 1: Elke Backes, Elana Brundyn _ Bild 2: Serge Alain Nitegeka, Structural Response III

Von dort führt der Weg weiter in die Gemäldegalerie, in der gerade die Künstlerin Mmakgabo Mapula Helen Sebidi präsentiert wird. Vermutlich Teil der Dauerausstellung der Privatsammlung? Ich frage nach.

„Nein. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt unseres Konzepts. Es geht hier nicht darum, die eigene Sammlung zwingend präsentieren zu müssen. In allen derzeit präsentierten Ausstellungen ist nur eine einzige Arbeit der Sammlung zu sehen. Sie dient uns in erster Linie als Forschungsgrundlage, um zeitgenössische Arbeiten hierzu in den Bezug stellen zu können. Wir können, müssen sie aber nicht ausstellen“, erklärt Elana Brundyn.

Mmakgabo Mapula Helen Sebidi, Who are we and where are we going? (Tryptichon) 236 x 331 cm (92 7/8 x 130 3/8 in.), 2005–2008

Spätestens beim Durchlaufen der weiteren Galerieräume sowie der so genannten Big Gallery, dem architektonischen Highlight im Erdgeschoss, wird tatsächlich deutlich, dass die eigene Sammlung nicht im Fokus steht. Auf der gesamten Fläche präsentiert sich die atemberaubende Soloshow Heliostat von Wim Botha. Eine Wand ist vollständig durch bodentiefe Fenster geöffnet, lässt großzügig das Tageslicht einfließen und gibt den Blick auf die umliegende Natur frei. Innen und außen verschmelzen. Geradezu in Szene gesetzt wird das Licht durch die zahlreichen, in die aktuelle Ausstellung integrierten farbigen Spiegelflächen.

„Dieser Raum fordert Künstler wie Kuratoren zu Höchstleistungen heraus“, verrät Elana Brundyn lachend, und fügt zufrieden hinzu: „Aber unglaublich schön zu sehen, was sich unter diesem Anspruch entwickeln kann.“

Wim Botha, Heliostat

Es geht weiter in das Obergeschoss, wo sich – neben einer weiteren Galerie, einer Bar, den Büroräumen und einer Bibliothek – etwas für ein Museum sehr Seltenes befindet, eine Artist-in-Residence-Wohnung. Architektur, Design und Kunst sind auch hier mit absoluter Perfektion aufeinander abgestimmt. Einfach nur traumhaft schön!

„Wir haben uns zur Einrichtung einer solchen Wohnung entschieden, um Gastkuratoren, Autoren oder zusammengefasst Museumsexperten für die Unterstützung unserer eigenen Museumsarbeit einladen zu können. Wir nutzen die Wohnung auch, um Dinner in privater Atmosphäre ausrichten zu können.“

Eine Nacht im Museum muss demnach nicht weiter eine filmische Fiktion bleiben, denke ich gerade.

Ebenfalls ungewöhnlich ist das Konzept der Ausstellungsreihe, die im Galerieraum des Obergeschosses präsentiert wird. Es ist die Serie Collector’s Focus, die aktuell einen Einblick in die Sammlung von Véronique Suzman-Savigne gewährt.

„Hiermit wollen wir die wichtige Funktion der Sammler innerhalb der Kunstszene hervorheben, wollen die Geschichten erzählen, die sich hinter ihrer Sammelleidenschaft verbergen und Werke zeigen, die üblicherweise die Öffentlichkeit nach dem Ankauf nicht mehr zu sehen bekommt. Es ist großartig zu erleben, wie sich im Laufe von Planung und Realisierung dieser Ausstellungen Sammlungskonzepte und Verbindungen aufzeigen und wichtige neue Netzwerke herausbilden.“

Auch die Bar, die öffentlich zugänglich ist und auch für private Events gemietet werden kann, gibt wieder durch bodentiefe Fenster den Blick in die Natur frei.

Ein besonderer Aspekt ist hier unverkennbar die Einbindung der Natur als wesentlichem und selbstverständlichem Bestandteil sowohl der Architektur als auch des Museumsprogramms. Wurde das Grundstück auf diese Absicht hin ausgewählt oder gab es zuerst das Grundstück und die Idee entwickelte sich aus der bestehenden Situation?

Bild 1: Part 2 of Collector’s Fokus: Véronique Suzman-Savigne-Collection _ Bild 2: Elke Backes und Elana Brundyn

„Es ist zunächst einmal so, dass die Familie Norval bereits seit einigen Jahren mit dem Gedanken gespielt hatte, auf der Basis ihrer Sammlung eine Kulturplattform schaffen zu wollen. Als Louis Norval dann irgendwann dieses Grundstück hier entdeckte – es handelte sich ursprünglich um unscheinbares brachliegendes Land –, reifte dieser Gedanke zu einer konkreten Vision heran. Das eine hat sozusagen das andere befruchtet, ohne dass es einen konkreten Plan gab. So wie die Natur selbst“, antwortet Elana Brundyn augenzwinkernd.

Weitere Informationen

… über die Norval Foundation: https://www.norvalfoundation.org