Noah Becker

Say it loud!

Fotos: Markus Schwer

Berlin. Im Auftrag von Meet Pablo – absolut nichtsahnend, was mich in „baketown“, einem Offspace in Berlin-Schöneberg, erwarten wird – lande ich beim Kreativ-Bündel Noah Becker. Ob Musik, Mode, Interior Design, Film oder auch Malerei – er ist überall präsent. Ich möchte heute vor allem etwas über seine Malerei erfahren, die hier in seinem Atelier entstanden ist und ihm über eine schwierige Zeit hinweggeholfen hat.

Baketown ist allerdings kein Kunstatelier im klassischen Sinne, wie mit Betreten der Halle sofort deutlich wird. Die Location erinnert eher an einen Club am Morgen nach der Party. Es herrscht gechillte Betriebsamkeit, als Noah mich gutgelaunt willkommen heißt. „Sorry, wir haben einen Gig heute Abend. Deshalb ist es hier gerade etwas chaotisch“, erläutert er die aktuelle Situation.

Ich schaue mich um. Der Mix aus Shabby-Chic-Mobiliar, gestapelten Kisten geleerter Trendlabel-Getränke, Mischpult-Anlage und Kunst entwickelt als solcher schon eine spezielle Atmosphäre. Doch ist es vor allem der nun einsetzende Sound elektronischer Beats, der diese noch auflädt und in mir das Gefühl verstärkt, in einem Paralleluniversum gestrandet zu sein. Auch sein Office soll sich hier irgendwo befinden. Ich frage nach.

Oben gibt es weitere Räume. Die offene Galerie dort hinter dem Mischpult führt hoch. Sukzessive arbeite ich daran, die Räume auszubauen. Hier unten arbeite ich mit einem festen Team von Leuten zusammen. Wir machen die unterschiedlichsten Sachen: Musik, Videos, organisieren Partys. Ein Raum ist aber meiner Malerei vorbehalten und wird als Atelier genutzt. Sollen wir es uns einfach mal anschauen?

Gesagt, getan.

Noah: Wie machen wir das jetzt am besten? Die meisten meiner Bilder sind gar nicht aufgezogen. Um etwas zu zeigen, muss ich wohl erstmal ein bisschen Platz schaffen und dann die Bilder auf dem Boden ausrollen. [Es folgt eine eifrige und teilweise abenteuerliche Umräumaktion.]

Die Gemälde sind durchweg großformatig, farbintensiv und in ihren Motiven sehr vielfältig. Beispielsweise lässt ein Bild eine Art labyrinthartige Architektur, kombiniert mit dem Aufruf „Say it loud“ in Graffiti-Font erkennen, ein anderes eine bunte Blumenwiese, ein weiteres eine wilde abstrakte Farbexplosion. Trotz aller Verschiedenheit ist ein gemeinsamer Style erkennbar. Eine Ausnahme bildet die Blumenwiese. „Was hat dich hierzu inspiriert“, frage ich.

Noah: Lenny Kravitz hatte mich nach Brasilien eingeladen, um dort für sein Haus Bilder zu malen. Mit dem Motiv habe ich mich mental auf Brasilien vorbereitet.

Ist es richtig, dass du gerade auch ein Video für ihn gedreht hast?

Noah: Ja. Das stimmt. Gestern hat es den letzten Schnitt durchlaufen, so dass es planmäßig veröffentlicht werden konnte. Dass er mir ein weiteres Mal ein so großes Vertrauen entgegengebracht hat, macht mich sehr stolz. Er ist grundsätzlich ein großer Förderer von jungen Künstlern, was ich unglaublich an ihm schätze [Wir schauen uns gemeinsam das Video an. Freiheit und Sommerstimmung pur …]

Was hat dich überhaupt zur Malerei geführt?

Noah: Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich bin in Miami in einem sehr kreativen Umfeld aufgewachsen. Unter anderem begegnete ich dem Graffiti-Künstler Jona Cerwinske. Ich war wahnsinnig gern in seinem Atelier, das zwischendurch auch als Studio für Jam-Sessions mit den tollsten Musikern genutzt wurde. Irgendwann habe ich Jona gefragt, ob er mir nicht die sterbenslangweilige Lunchbox, die meine Mutter mir jeden Morgen mit in die Schule gegeben hat, aufstylen könnte. So kam ich nicht nur an die coolste Lunchbox ever, sondern wurde auch inspiriert zu zeichnen. Ich habe vor allem kleine Figuren gekritzelt – gern auch an die Wände meiner früheren Wohnung –, bis irgendwann mal jemand zu mir sagte, ich solle doch alternativ mal auf Leinwand auf dem Boden malen. Das habe ich dann gemacht.

Klingt so einfach. Gab es jemanden, der dich angelernt oder dich besonders inspiriert hat?

Noah: Angelernt nicht, aber inspiriert haben mich die Künstler Jean-Michel Basquiat und Friedensreich Hundertwasser und vor allem die Erkenntnis, dass ich mit dem Malen Erlebnisse aus der Vergangenheit verarbeiten kann. Die Bilder sind für mich wie ein Tagebuch, in dem sich meine Gedanken und Gefühle in Form und Farbe übertragen finden. Entsprechend expressiv gehe ich auch zu Werke.

Also eher ohne Plan und Vorzeichnungen?

Noah: Doch, das gibt es auch. Hängt ab von Stimmung und Ort.

Hast du auch schon ausgestellt?

Noah: Ja. In der Hamburger Galerie* vor zwei Jahren. Alle Bilder, in denen ich mich einfach mal ausprobiert hatte, waren am Tag der Eröffnung verkauft. Auf der einen Seite war das zwar toll, auf der anderen Seite hatte ich nichts mehr, das ich im Rückblick noch einmal hätte studieren können. Auch deshalb war es großartig, für Lennys Haus Bilder malen zu können.

Fühlst du dich wohler in der Welt der Musik oder in der der bildenden Kunst?

Noah: In erster Linie bin ich Musiker, weil ich es liebe mich über die Musik mit Menschen zu verbinden. In der Malerei finde ich aber den mentalen Ausgleich, den ich für mich selbst brauche. Vermutlich sollte ich mich besser auf eine Sache konzentrieren, aber im Moment gelingt mir das noch nicht.

Wir gehen nach oben, wo weitere Bilder zu sehen sind und sich darüber hinaus auch Noahs Fähigkeiten als Interior Designer zeigen.

(*Die Hamburger Galerie, Contemporary & Modern in Hamburg)

Über eine wackelige Sprossenleiter steigen wir schließlich auf das Dach und philosophieren noch ein wenig über das Leben, das dem 25-jährigen Noah Becker schon ungewöhnlich viel gegeben, aber auch abverlangt hat.

Gegeben wurde ihm vor allem ein ungewöhnlich kreatives Umfeld, in dem er aufwachsen durfte und das ihn wie selbstverständlich bei der Herausbildung seines eigenen künstlerischen Werdegangs unterstützt hat. Abverlangt hat es ihm jedoch Missgunst und Neid, womit er umzugehen lernen musste.

Beide Seiten finden sich in seiner Kunst gespiegelt, denke ich rückblickend. Trotz der unverkennbaren Einflüsse seiner Idole, sind seine Bilder von einer starken Individualität geprägt, weil es die persönlichen Ereignisses seines Lebens sind, die er darin zum Ausdruck bringt. Man darf gespannt sein, wie sich seine Karriere weiterentwickeln wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Malerei darin eine wichtige Rolle spielen wird. Keep on … say it loud!

Weitere Informationen

Noah Beckers verfügbare Arbeiten sind ab sofort online auf der Seite von Meet Pablo einzusehen:

https://www.meetpablo.com