Markus Ambach und Elke BAckes

Markus Ambach

Die Stadt als Atelier

Düsseldorf, 23. Mai 2018. Versteckt im Hinterhof der Harkortstraße befindet sich jenes traditionsreiche Atelierhaus, das bereits Gerhard Richter und Blinky Palermo als Ort kreativer Inspiration diente. Heute ist es die organisatorische Schaltzentrale des Künstlers Markus Ambach. Ambach, der als Ausstellungsmacher immer wieder neue Formate für außergewöhnliche Kunstprojekte entwickelt, bezeichnet die Stadt als sein Atelier. Warum, das erzählt er mir heute mit Blick auf sein aktuelles Projekt Von fremden Ländern in eigenen Städten, das seit dem 2. Juni und noch bis zum 19. August 2018 das Areal rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof bespielt.

Markus Ambach Atelier, Die Arbeitsstätte von MAP-Projekte

Die Arbeitsstätte von MAP-Projekte, Fotos: Natascha Romboy

Inmitten der hektischen Betriebsamkeit des Countdowns strahlt der Initiator eine zufriedene Vorfreude aus. Drei Jahre Vorbereitung gingen diesem Projekt voraus, das zunächst politisch genehmigt und unterstützt sowie finanziell abgesichert werden musste. Mit Akteuren aus bildender Kunst, Theater, Tanz, Film und Musik galt es 18 unterschiedliche Ideen mit einem gemeinsamen Ziel zu entwickeln: „stadtplanerische Impulse in einem Quartier zu setzen, das als letzter unerforschter urbaner Raum der Stadt nach seiner Zukunft sucht“[1]

[1] Projektzeitung: „Von fremden Ländern in eigenen Städten“. Düsseldorf 2018.

Markus Ambach Areal Übersicht

Bild 1: Düsseldorfer Hauptbahnhof, Von fremden Ländern in eigenen Städten, Foto: Markus Ambach _ Bild 2: Spa im Hotel Nikko, Von fremden Ländern in eigenen Städten Foto: Markus Ambach _ Bild 3 und 4: Umgebung des Bahnhofs, Foto: Markus Ambach

Das Thema Kunst im öffentlichen Raum ist nicht neu, findet jedoch immer wieder sehr unterschiedliche Interpretationen und deshalb auch sehr unterschiedliche Umsetzungen. Mich interessiert vor allem, inwiefern Markus Ambach als Ausstellungsmacher dabei seine eigene künstlerische Haltung zum Ausdruck bringt.

Während wir uns zum Gespräch zusammensetzen, sehe und höre ich im Hintergrund Projektmanagerin Irina Weischedel zwischen klingelndem Telefon und Türklingel hin- und her flitzen. Es ist unschwer zu erkennen, dass noch einiges zu tun ist. Sicherheitshalber entscheiden wir uns deshalb für einen Smalltalk in der Light-Version und steigen schnell ins Thema ein …

„Mich würde zunächst interessieren, wie sich dein Weg vom bildenden Künstler zum Ausstellungsmacher entwickelt hat.“

Markus Ambach und Elke Backes

Im Gespräch mit Markus Ambach, Fotos: Natascha Romboy

Ambach: „Mir wurde schon recht früh klar, dass mich eine klassische künstlerische Karriere langweilen würde. Der Kunstmarkt war mir einfach zu sehr in linearen Strukturen gebunden. Ich suchte nach neuen Formen, wollte nicht den bestehenden Werkbegriff verfolgen, sondern ihn weiterentwickeln. Sehr früh stellte ich fest, dass mich nicht das einzelne Kunstwerk oder eine bestimmte Kunstgattung interessierten, sondern vielmehr das Werk im Kontext des Raumes. Deshalb habe ich zunächst begonnen typologisch zu arbeiten. Aus dem übergeordneten Thema Kino sind dann beispielsweise Fotoarbeiten, oder aus dem Thema Bibliothek bildhauerische Arbeiten entstanden.“

Waren es demnach die Themen, die dich frühzeitig aus dem Atelier hinausgetrieben haben?

Ambach: „Ja genau. Atelierarbeit war nie mein Ding. Eine willkommene Gelegenheit verschaffte mir ein Garten – idealerweise direkt neben meinem damaligen Atelier gelegen –, den ich nutzen durfte. Eigentlich ein klassischer Unort neben dem Hauptbahnhof, aber gleichzeitig ein wunderbarer Ort, versteckt mitten in Neuss. Diesen Garten integrierte ich nicht nur insgesamt in meine Arbeit, er bildete auch den Einstieg in meine Projektarbeit. Als Gärtner habe ich dorthin Künstlerinnen und Künstler eingeladen, um über gemeinsame Gespräche herauszufinden, was wir als Künstler aus uns selbst heraus entwickeln konnten – ohne Institution, ohne Kunstmarkt. Der Garten in der Stadt bot hierfür besondere Bedingungen.“

Was machte diese besonderen Bedingungen aus?

Ambach: „Wie auch jetzt, in der Umgebung des Düsseldorfer Hauptbahnhofs, war es die gesellschaftliche und politische Brisanz des Ortes, die einfach dazu herausforderte, seine verborgenen Qualitäten zu erforschen und mittels künstlerischer Positionen sichtbar zu machen. Das ist es, was ich mit Kunst im Kontext meine. Es muss hierbei nicht immer zwingend ein öffentlicher Raum sein. Es können auch die Bedingungen eines musealen Raumes sein, wie beispielsweise die beim Projekt Von den Strömen der Stadt des Museums Abteiberg in Mönchengladbach, die zu einem Projekt herausfordern. Entscheidend ist, dass wir eine stadtplanerische Wirkung erzielen und gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen können.“

Im Konzept für „Von fremden Ländern in eigenen Städten“ beschreibst du den Bahnhof als besonderen Ort in der Stadt, weil er „als Empfangsraum das Lokale mit dem Globalen verknüpft und im anonymen Strom der Reisenden oft das verbirgt, was andernorts in der Stadt keinen Platz gefunden hat: Menschen ohne Ort, das Milieu und Kreative, Andersdenke und Angekommene, Anziehendes und Abgründiges“[1]. Klingt nicht unbedingt nach einem Ort, dem es an Kunst fehlt. Was können Künstler an einem Ort bewirken, wenn es doch eher an politischer Initiative fehlt?

Ambach: „Wir haben eine andere Sicht auf die Dinge, gehen anders an Problemlösungen heran. Konkret heißt das, wir sprechen mit den Menschen vor Ort, erforschen Verborgenes, machen es sichtbar und fügen es in den städtischen Kontext ein. Nehmen wir beispielsweise den Mintropplatz. Hier, an einem der problematischsten Plätze der Stadt, treffen unterschiedlichste Ethnien, Interessengruppen und städtische Szenerien aufeinander. Die marokkanische Gemeinde jenseits der Schienen träumt schon lange davon, den dunklen Tunnel, der zu ihrem Viertel führt, in ein lichtes und gekacheltes Tor des Orient zu verwandeln. Im Projekt greifen wir diese Idee auf und inszenieren mit verschiedenen Protagonisten des Platzes sozusagen prägentrifikal einen ersten Versuch, ihn zu einem vitalen Treffpunkt seiner Anlieger zu machen und so Perspektiven aufzuzeigen, wie er sich zu einem Tor des Orients entwickeln könnte. Eine traditionell marokkanisch gekachelte Einfassung des Hochbeets und eine Grünfläche für Urban Gardening mit Ausstellungsbereich fungieren hierbei als Bauschild, das für den Einstieg in die bürgerschaftliche Entwicklung des Platzes stehen soll. An deren Ende steht vielleicht nicht nur das Tor zum Orient als luxuriöse, einladende Passage ins Viertel an der Ellerstraße, sondern auch ein neues Selbstverständnis des Platzes und seiner Anlieger.“

[1] Ebd.

Markus Ambach Menschen im Gespräch

Bild 1: „Rendezvous beim Boxpapst“, Pola Sieverding mit Wilfried Weiser, Foto: Katja Illner _ Bild 2: Prolog 2017: „Die Welt ist nebenan“, Literaturbüro NRW, Foto: Markus Ambach _ Bild 3: Prolog 2017: Jacques Mayo, Frank Schablewski und Maren Jungclaus, Literaturbüro NRW bei „Mayohair“, Foto: Markus Ambach

Nach welchen Kriterien wählst du die Künstler aus?

Ambach: „Letztlich bestimmt der Kontext den Künstler. Ein Projekt entwickelt sich über mehrere Phasen. Wenn ich einen interessanten Raum entdeckt und hierfür ein übergeordnetes Konzept oder Thema entwickelt habe, kommen mir automatisch Künstler in den Sinn, die zum Thema oder zum Ort passen könnten. Nachdem ich die Künstler dann eingeladen habe, schauen sie sich im nächsten Schritt die jeweiligen Orte an und entwickeln ihre Ideen. Meine Aufgabe besteht schließlich darin, die einzelnen Projekte miteinander zu verbinden, den Gesamtraum sozusagen zu choreografieren.“

Und das ganze dann politisch und finanziell zu sichern. Welchen finanziellen Rahmen hat das aktuelle Projekt und wer half bei der Realisierung?

Ambach: „Es hat einen Gesamtumfang von 700.000 Euro. Knapp ein Viertel der Summe hat die Stadt Düsseldorf bezuschusst, die Kunststiftung NRW ist Hauptförderer, gefolgt vom Land NRW und weiteren Sponsoren. Besonders wichtig ist mir bei der Kalkulation aller Projekte, dass darin Künstlerhonorare berücksichtigt werden, was leider in der Kulturarbeit immer mehr zur Ausnahme wird.“

In der Tat ein Riesenproblem, das dringend ein Umdenken erfordert. Inwiefern glaubst du, dass es – neben dem finanziellen Aspekt – für Künstler wichtig ist, (auch) im öffentlichen Raum zu arbeiten?

Ambach: „Der öffentliche Raum fordert zur Auseinandersetzung mit völlig anderen Bedingungen heraus. Im Gegensatz zum Museum steht dieser Raum jedem zur Verfügung. Der Künstler ist deshalb nicht darauf beschränkt, sich selbst zu produzieren, sondern muss oder besser gesagt darf mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten. Darüber hinaus muss er die infrastrukturellen Bedingungen berücksichtigen, die oftmals eine Flexibilität in der Änderung des Entwurfs erfordern. Gleichzeitig lässt aber der öffentliche Raum Formate zu, die in der Arbeitsstruktur eines Museums überhaupt nicht zu realisieren wären und sehr stark dazu beitragen, den ureigenen Auftrag der Kunst als gesellschaftlich und politisch relevantes Medium zu erfüllen. Deshalb betrachte ich die Projektarbeit insgesamt als eine Erweiterung künstlerischer Produktionsmöglichkeiten und Ergänzung zur Museums- und Institutionsarbeit.“

Ist es innerhalb des mittlerweile gigantischen organisatorischen Aufwands deiner Projektarbeiten noch möglich, deine eigene künstlerische Haltung einfließen zu lassen?

Ambach: „Auf jeden Fall. Zum einen ist es die jeweilige Konzeptidee, die als großes Ganzes von mir entwickelt wird. Zum anderen ist es die Choreografie des Gesamtraumes, an die ich aus Künstlersicht anders herangehe, als es ein klassischer Kurator tun würde.

Abschlussfrage: Wer ist alles dabei und wie können sich Interessierte über das Veranstaltungsprogramm informieren?

Ambach: „Dabei sind: Katharina Sieverding, Neïl Beloufa, Ines Doujak, Natascha Sadr Haghighian, Andreas Siekmann, Manuel Graf, Paloma Varga Weisz, Christiane und Irene Hohenbüchler, John Miller, Christian Odzuck, Pola Sieverding, Fari Shams, Maximiliane Baumgartner & Alex Wissel, Palina Vetter, Mira Mann & Sean Mullan, Isabelle Fürnkäs und Jan Hoeft. Neben der Projektzeitung, die in Düsseldorf überall ausliegt, gibt es die Möglichkeit, den Newsletter zu abonnieren oder sich über die sozialen Netzwerke auf dem Laufenden zu halten.

Ich bin gespannt!

Markus Ambach mit Elke Backes

Beim Studium der Projektzeitung

Weitere Informationen

… zum Künstler: www.markusambachprojekte.de

… zu den Projekten:

Von fremden Ländern in eigenen Städten: www.vonfremdenlaendern.de

Der urbane Kongress: www.derurbanekongress.de

B1|A40 Die Schoenheit der großen Straße: www.b1a40.de

Choreografie einer Landschaft: www.choreografieeinerlandschaft.de

parcours interdit: www.parcours-interdit.de

wildlife- ein Garten von.fuer Künstler: www.summerpalace.de

stadtraum.org: www.stadtraumorg.de

WG/3Zi/K/B: www.wg3zikb.de