Jürgen Klauke und Elke Backes

Jürgen Klauke

Vom Betrachter zum Betroffenen oder – Wie viel verrät mein Kunstgeschmack über mich selbst?

Fotos: Sarah Schovenberg

Köln, 15. März 2018. Ein graffitibesprühtes ehemaliges Lagerhaus. Passt, denke ich bei meiner Ankunft. Genau so habe ich mir das Atelier von Jürgen Klauke vorgestellt. Das Haus ist ebenso eigenwillig wie seine Kunst. Seit Ende der 1960er Jahre setzt er Maßstäbe: bei der Entwicklung der konzeptionellen Fotografie, in Body-Art und Performance. Darüber hinaus umfasst sein Œuvre ein beeindruckendes Konvolut an Zeichnungen. Initialzündung für die Auseinandersetzung mit seiner Arbeit war für mich die Serie DR. MÜLLERS SEX-SHOP ODER SO STELL’ ICH MIR DIE LIEBE VOR.

Jürgen Klauke Atelier

Außenansicht Atelier

Selten zuvor habe ich vergleichbarere Diskussionen über Kunst erlebt. Reaktionen zwischen Anziehung und Abstoßung führten von kopfschüttelndem Abwenden über die Diagnose: „Uih! Ist aber ganz schön schräg. Der muss aber einiges an Drogen genommen haben“ bis hin zur Frage, ob ich mir so etwas zu Hause aufhängen würde.

Jürgen Klauke DR. MÜLLERS SEX-SHOP

DR. MÜLLERS SEX-SHOP ODER SO STELL‘ ICH MIR DIE LIEBE VOR,
1977, 13-teilige farbige Fotosequenz, je 50 x 40 cm, Installation: 50 x 520 cm

Dabei fiel mir vor allem auf, dass mein Bekenntnis „Ich finde das toll“ mein jeweiliges Gegenüber dazu hinzureißen schien, Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen. Doch wie viel verrät eigentlich mein Kunstgeschmack tatsächlich über mich?

Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich zunächst einmal herausfinden, wie viel Persönlichkeit von Jürgen Klauke in seinen Arbeiten steckt.

Gespannt betrete ich das Haus. Ein überdachter Hof führt in den Wohnbereich sowie in das Atelier. Dass auch der Hof offensichtlich als Atelier genutzt wird, lassen die Bühne und die darauf positionierten aneinandergereihten Toiletten vermuten. Hier muss die BRANCUSI-ENDLOSSÄULE entstanden sein.

Jürgen Klauke BRANCUSI-ENDLOSSÄULE

BRANCUSI-ENDLOSSÄULE, 2017

Innerhalb des Wohnraumes zeigt sich sofort die besondere Sammelleidenschaft des Künstlers. Zahlreiche afrikanische und ozeanische Plastiken behaupten hier ihre Existenz und prägen, neben der großen Bibliothek, den ersten Raumeindruck.

Wir beginnen unser Gespräch bei einer Tasse Kaffee.

Eisbrecher ist eine „bedeutende“ Gemeinsamkeit, die wir beim gegenseitigen Recherchieren ausfindig gemacht haben–wir haben am gleichen Tag Geburtstag! Mit dem Versprechen uns ab sofort jedes Jahr gegenseitig zu gratulieren, geht es ab jetzt um Kunst.

Jürgen Klauke und Elke Backes

„Im Vergleich zu Ihren frühen, provokativen Arbeiten wirken Ihre jüngeren Arbeiten eher ruhig. Sind Sie braver geworden?“ „Älter, vernünftiger, ein bisschen weiser, aber nicht braver“, antwortet Klauke verschmitzt lächelnd. „Hätte ich die Lebensform der 70er, 80er Jahre beibehalten, hätten Sie mich vermutlich am Melatengürtel [dort befindet sich der Zentral-Friedhof Kölns] besuchen können … Ich denke, dass meine Arbeit nach wie vor kantig ist, nur der Themenkreis sich verändert hat. Es ist einfach so, dass ein Großteil der Themen, die ich in den Anfängen bearbeitet habe, getan ist – nichts ist langweiliger als Wiederholung.“

„Wenn Sie die Genderthematik ansprechen, hat sich zwar in der Tat enorm viel getan. Dennoch zeigt die Reaktion auf Ihre Bilder in unserer heutigen, scheinbar enttabuisierten Zeit, dass diese Art der Konfrontation immer noch provoziert und polarisiert. Kaum vorstellbar, wie diese Reaktion früher ausgesehen haben muss. Wurden Sie mit dem, was Sie auf den Fotografien verkörpert haben, identifiziert“, frage ich.

Jürgen Klauke EINE EWIGKEIT EIN LÄCHELN

EINE EWIGKEIT EIN LÄCHELN, 1973, 9-teilige farbige Fotoarbeit, je 30 x 40 cm, Installation: 30 x 360 cm

„Klar. Das bleibt nicht aus, wenn man als Künstler selbst im Bild ist. Der Vorwurf des Narzissmus, das Rätselraten um die Frage meiner sexuellen Orientierung, das ganze Programm etc., etc. In der Zeit waren wir auch alle mehr oder weniger politisiert. Ich hatte mich dann stattdessen entschieden, die sogenannte Revolte im Alltäglichen zu suchen und mit meiner Kunst auf die Themen der Zeit zu reagieren. Es war vor allem ein Widerstand gegen das damals immer noch vorherrschende wilhelminische Erziehungsmodell, das die Nachkriegsgesellschaft und die dann folgende Wirtschaftswundergesellschaft verinnerlicht hatte.“

Unmittelbar kommt mir seine Performance HINSETZEN. AUFSTEH’N. ICH LIEBE DICH. EIN DIALOG von 1979 in den Sinn, die mich unglaublich aufgewühlt hat. Man durchlebt als Betrachter förmlich den verkörperten inneren Konflikt, wird immer unruhiger und kann irgendwann das Szenario kaum noch aushalten. (Unbedingt vollständig ansehen, mal ausnahmsweise nicht vorspulen!)

„Performance und Body-Art waren Teil völlig neu entwickelter Kunstformen. Sie waren Teil dieser Entwicklung. Was hat Sie inspiriert“, frage ich.

„Wir waren einfach viel gastronomisch unterwegs, verließen die Ateliers, um dem Leben zugewandt neue Spuren zu erkunden“, verrät Klauke mit einem vielsagenden Blick. „Wenn ich dann eine zwingende Idee hatte, rief ich spontan Horst vom Roxy [Horst Leichenich war Inhaber der Kölner Kultkneipe Roxy] oder Herman the German [der Fotograf Hermann Schulte] an und wir verabredeten uns zu einer Session. Setting, Lichteinstellung etc. wurden von mir vorbereitet, so dass die beiden mehr oder weniger nur auf den Auslöser drücken mussten. Alles war sehr experimentell. Die Suche nach neuen Bildsprachen und Bildräumen führte mich hierbei schließlich vom Einzelbild über Sequenzen bis hin zu Großfotos. Der Aufwand der Inszenierungen ist heute ein Größerer, aber ich habe nach wie vor alles selbst in meiner Hand.“

Jürgen Klauke und Elke Backes

„Ist der starke emotionale Ausdruck in Ihren Fotos und Performances auf ein schauspielerisches Talent zurückzuführen?“ „Nein. Das hat mit Schauspiel nichts zu tun. Ich erzähle keine Geschichte, sondern repräsentiere unser Menschenbild durch Bild-Fragen. Ich fungiere als Material für meine Bildaussage. Die Sache – oder besser gesagt meine Leitidee – ist die ständige Auseinandersetzung mit der ‚Ästhetisierung des Existentiellen‘, wie ich es nenne. Es ist dieser unauflösliche Konflikt mit uns selbst und das damit verbundene schöne Scheitern, das unsere Existenz, sofern man nicht zwischenzeitlich verrückt wird, doch recht unterhaltsam macht. – Die Entscheidung zwischen Liegenbleiben und Seufzen oder schallendem Gelächter.“

Womit sich dann auch der Humor erklärt, der in seinen Arbeiten, trotz allem Dunkel und formaler Strenge immer mitschwingt. Während sich dieser in den frühen Werkzyklen noch auf seine exzessive Lebensführung und das lustvolle Experimentieren zurückführen lassen könnte, hält die veränderte Arbeitsweise ab FORMALISIERUNG DER LANGEWEILE (1980–1981) dieser Vermutung nicht mehr stand. Seitdem geht jedem sogenannten Werkblock eine akribische Vorbereitung voraus. Einer materiellen wie geistigen Materialsammlung folgen Skizzen, die dann in konzeptionellen Arbeitsbüchern eine Art Storyboard vorbereiten. Im Ergebnis entstehen aus zehn bis zwölf kleineren Werkblöcken bis zu 100 Arbeiten, die dann unter einem gemeinsamen Titel zusammengefasst werden, wie beispielsweise auch bei SONNTAGSNEUROSEN, DESASTRÖSES ICH oder ÄSTHETISCHE PARANOIA.

Einen Eindruck dieser strukturierten Arbeitsweise vermittelt ebenso das Atelier. Alles hat hier seinen Platz. Entlang der dem Eingang gegenüberliegenden Wand befinden sich der Computer-Arbeitsbereich sowie zwei große Zeichentische; in der Mitte des Raumes steht ein Tisch, auf dem Aufsichtsfotos seines aktuellen Werkblocks HINTERGRUNDRAUSCHEN ausgebreitet sind, drumherum Gruppen von Arbeiten, sortiert nach den bevorstehenden Galerieausstellungen in Düsseldorf und Paris sowie der Messepräsentation in Basel. Das Sammlerherz schlägt höher …

Jürgen Klauke Atelier

Atelierimpressionen

Wir betrachten die Fotos auf dem Tisch, philosophieren über die Dinge, die wir darin sehen und bestimmen unsere jeweiligen Favoriten. „Über die Aufsichtsfotos prüfe ich die Qualität im Ganzen, entscheide, welche Motive ich auswähle und in welchem Format sie geprintet werden sollen. In den Detailabzügen erkenne ich, ob die Schwarz-Grau-Feinabstimmungen funktionieren sowie das aus dem Schwarz her raus“, erklärt Klauke.

Jürgen Klauke Auswahl

Gemeinsame Begutachtung

„Wie bedeutend ist das Humorige in Ihren Arbeiten und inwiefern ist es bei dieser insgesamt enormen Vorbereitung noch planbar?“ „Planbar ist das schon durch die jeweiligen Titel sowie die gedankliche und bildliche Absicht. Beispielsweise ist der Humor in der Arbeit STEIGERUNGSPHÄNOMENEN aus der Werkgruppe SONNTAGSNEUROSEN nicht per Zufall, sondern als bewusste Inszenierung fürs Bild entstanden. Beim Tiefbohren bringe ich aber auch gern durch einen Schuss Ironie etwas Licht ins Dunkel unserer Existenz. Dabei kann dann auch der genutzte Zufall behilflich sein. Zu meinem Fotografen sage ich deshalb: ‚Wenn was schiefgeht – egal was – immer draufhalten – es könnte der Aufhellung dienen‘“.

Jürgen Klauke STEIGERUNGSPHÄNOMENEN

1 Motiv aus STEIGERUNGSPHÄNOMENEN, 4-teilig, je 215 x 125 cm, 1990/1992

„Apropos Titel. Was inspiriert Sie zu diesen feinsinnigen Wortfindungen?“ „Ich lese viel, mag gerne Sprache. Sobald ich mich auf ein bestimmtes Thema gedanklich einlasse, sammle ich Wörter, füge sie zum Teil den Skizzenbüchern hinzu, beginne Untertitel zu bilden. Die Titel sind für den Betrachter eine zweite Ebene in meine Arbeiten einzusteigen“, erklärt Klauke. Kurzer Selbstcheck: Was passiert, wenn ich mir beispielsweise die Bilder von ABSOLUTE WINDSTILLE aus FORMALISIERUNG DER LANGEWEILE zunächst ohne und dann mit Untertitel anschaue?

Jürgen Klauke ABSOLUTE WINDSTILLE

ABSOLUTE WINDSTILLE, 1980/1981, 13-teiliges Fototableau auf Barytpapier, Installation: 180 x 170 cm

Surreal und witzig sind die ersten Begriffe, die mir spontan in den Sinn kommen. Mit Blick auf den Haupttitel FORMALISIERUNG DER LANGEWEILE stelle ich dann Langeweile in Bezug zu der Vorstellung, einen Eimer über dem Kopf gestülpt zu haben. Dunkelheit kommt mir in den Sinn, Isolation, Orientierungslosigkeit. Schon nicht mehr so witzig. Und nun der Untertitel: ABSOLUTE WINDSTILLE. Klingt plötzlich nach Endzeitstimmung. Vom Betrachter zum Betroffenen …

Alles in allem irgendwie absurd-poetisch. „Es ist dieser unauflösliche Konflikt mit uns selbst und das damit verbundene schöne Scheitern, das unsere Existenz, sofern man nicht zwischenzeitlich verrückt wird, doch recht unterhaltsam macht.“ Mir kommt wieder Klaukes Aussage von vorhin in den Sinn. In seiner Leitidee steckt alles drin, was ihn und seine Arbeit so spannend macht. Scheitern, aufstehen, wer kennt es nicht? Als Autor der Bilder ist er mehr als nur Material für die Bildaussage. Er ist persönlich beteiligt. Es sind seine Gedanken, Erlebnisse, Wahrnehmungen, Beobachtungen – sein Blick auf die Welt, die seine philosophischen Gedanken prägen und die in seinen Bildern ihren Ausdruck finden. Die eingangs gestellte Frage, wie viel mein Kunstgeschmack über mich selbst verrät, lässt sich schlichtweg darüber herleiten, was mich an der Kunst Jürgen Klaukes anspricht und berührt. Es ist wie er mit dem Trivialen und Erhabenen spielt, und es ist die Ironie, der kritische und gleichzeitig humorige Blick auf das Menschsein.

Scheitern, immer wieder aufstehen. Schön, wenn man darüber lachen kann …

Weitere Informationen

… über den Künstler: http://www.juergenklauke.de

… über die aktuelle Ausstellung in der Galerie Hans Mayer: http://www.galeriehansmayer.de/

… über die bevorstehende Ausstellung in der NRW Akademie der Wissenschaften und Künste: 2018-05-02-juergen-klauke-koerperzeichenzeichenkoerper.html

… über die vergangene Ausstellung Hintergrundrauschen in der Galerie Thomas Zander: http://www.galeriezander.com/de/exhibitions/hintergrundrauschen