Johann König

Der Wandel im Kunstmarkt

Fotos: Markus Schwer

Immer höhere Rekordergebnisse im Kunsthandel lassen leicht den Schluss zu, dass die Branche insgesamt boomt. Doch warum schließen dann immer mehr Galerien? Wir sprechen mit Johann König, der mit seiner Galerie in Berlin die bisherigen Regeln des Kunstmarktes auf den Kopf stellt und sowohl räumlich als auch konzeptionell zukunftsweisende neue Zeichen setzt.

Zu den Galerieräumen

Seit 2015 befindet sich die von ihm bereits 2002 im Alter von 20 Jahren eröffnete Galerie in der profanierten Kirche St. Agnes im Stadtteil Kreuzberg. Zwischen 1964 und 1967 von Werner Düttmann erbaut und von Arno Brandlhuber zum neuen Zweck umgebaut, bilden ihr ehemaliges Kirchenschiff und die Kapelle heute die zentralen Ausstellungsräume. Um das Kirchenschiff in zwei Stockwerke zu unterteilen, griff Brandlhuber „minimalinvasiv“[1] in die ursprüngliche Architektur ein. Zusammengeschachtelte Kuben und Riegel bilden die Gesamtform, deren puristische Anmutung über die Materialverwendung von Zementwurfputz und schalungsgrauem Beton unterstützt wird. Auch bedingt durch die große Lichtschneise, die den oberen Ausstellungsraum mit Helligkeit versorgt, ist hier eine Atmosphäre spürbar, die an Spiritualität kaum zu überbieten ist.

[1] David Jenal. Hommage an Arno Brandlhuber. In: König-Magazin. Nr. 1/6. Berlin 2017.

Allgemeine Unterscheidungen innerhalb des Kunstmarkts

Zum allgemeinen Verständnis des Kunstmarkts ist zunächst zwischen den Akteuren des Primär- und Sekundärmarktes zu unterscheiden. Galeristen, die noch unbekannte Künstler entdecken, sie aufbauen, ihnen eine Ausstellungsplattform bieten, Kontakte zu Museen und Sammlern vermitteln und letztlich diese Kunst erstmals in den Handel einbringen, sind im Primärmarkt tätig. Galeristen oder Auktionshäuser, die gewerbsmäßig mit Kunst handeln, die sich bereits auf dem Markt befindet, im Sekundärmarkt. Johann König löst diese Grenzen auf und ist, wie er selbst sagt, als Mischwesen tätig. In seinem Haus gibt es beides …

Zur KÖNIG GALERIE

Über einen Zeitraum von 16 Jahren ist es Johann König gelungen, 40 etablierte wie aufstrebende Künstler repräsentieren zu können. Den Umgang mit ihnen und ihrer Kunst hat er sich beim Vater, dem Kurator Kasper König anschauen können. Die Galerie ist auf nahezu allen bedeutenden internationalen Messen vertreten. Derzeit agieren 41 Mitarbeiter für die Künstlerbetreuung, Kommunikation, Logistik und Verwaltung und seit neuestem auch ein Experte speziell für den Sekundärhandel. Zum Ausbau des internationalen Geschäfts wurde im vergangenen Jahr eine Niederlassung in London eröffnet. Ebenfalls 2017 wurde über eine eigene Merchandise-Linie aus Souvenirshop und Galerie-Magazin die Etablierung eines eigenen Brandings vorangetrieben.

Wachstum ist das Stichwort, das uns ins Gespräch einsteigen lässt.

Ohne über Zahlen sprechen zu müssen, lässt sich davon ausgehen, dass hier ein enormer Kostenapparat unterhalten werden muss. Sind Ihre Kapazitäten jetzt am Limit?

König: Nein. Ohne Wachstum kann heutzutage keine Galerie mehr funktionieren.

Soll heißen, dass das klassische Galeriemodell ausgedient hat?

König: Ja, mittelfristig wird das so sein. Der Kunstmarkt ist im Umbruch und wir sind gezwungen uns den neuen Bedingungen, denen wir durch die Globalisierung und die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland ausgesetzt sind, mit neuen Konzepten zu begegnen. Andernfalls gehen wir unter.

Apropos: Politische Rahmenbedingungen. Sie engagieren sich stark für eine Verbesserung derselben. Um was geht es Ihnen genau?

König: Es geht vor allem um notwendige Neuregelungen in der Anwendung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes und der Pflichtabgabe an die Künstlerversorgungskasse. Die derzeitigen Regelungen beeinträchtigen erheblich die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Galerien im internationalen Handel. Hierzu ein Beispiel für den innereuropäischen Handel: Eine vergleichbare Arbeit ein und desselben Künstlers ist derzeit in Deutschland 10,2 Prozent teurer als in Österreich. Warum? Der ermäßigte Umsatzsteuersatz von 7 Prozent darf seit 2014 in Deutschland nur noch angewendet werden, wenn die Rechnung unmittelbar vom Künstler an den Sammler ausgestellt wird. Sobald eine Galerie zwischengeschaltet ist, handelt es sich um gewerblich gehandelte Kunstgegenstände und es gilt der Regelsteuersatz von 19 Prozent. Österreich wie auch weitere europäische Länder lassen allerdings das Sondermodell zu, Galerien ,im Namen des Künstlers’[1] agieren zu lassen, so dass – wieder auf Österreich bezogen – der ermäßigte Satz von 13 Prozent angewendet werden darf. Eine mögliche Übertragung des Modells nach Deutschland wird derzeit kontrovers diskutiert. Rechtliche Folgen müssten durch zusätzliche Vertragsregularien gesichert werden, die zu einem weiteren bürokratischen Mehraufwand führten. Soviel zur Steuerregelung innerhalb der EU. Außer dieser Problematik bewirkt die Pflichtabgabe an die Künstlersozialkasse – die es wohlgemerkt nur in Deutschland gibt – eine weitere Verteuerung des Kunstwerks um derzeit 4,2 Prozent. Und hierbei sei ergänzt, dass es keine Ausnahmen gibt. Zu zahlen ist dieser Beitrag auch, wenn der Künstler privat versichert ist oder gar im Ausland lebt – also überhaupt nicht von dieser Künstlersozialkasse profitiert. Summa summarum eine Gesamtverteuerung von 10,2 Prozent gegenüber Österreich, die für den Käufer auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar ist. Noch weniger nachvollziehbar wird die Verteuerung im Handel mit außereuropäischen Ländern.

Hier entfällt die Umsatzsteuer. Der Käufer hat dann nur die Einfuhrumsatzsteuer zu zahlen?

Ja genau. Und dieser Satz liegt seit Jahrzehnten bei 7 Prozent. Kauft ein Sammler also beispielsweise eine Arbeit in der Schweiz oder den USA, ist die Arbeit dann sogar 16,2 Prozent günstiger, als bei einem Kauf in Deutschland. Insgesamt eine mangelnde Transparenz, die dazu beiträgt, dass unsere Branche in der Öffentlichkeit einen zwielichtigen und falschen Ruf erfährt.

[1] Vgl. hierzu Dr. Christiane Fricke. Hohe Mehrwertsteuer wird deutschen Galeristen zum Nachteil. In: Handelsblatt 29.6.2018.

Eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen ist kurzfristig vermutlich nicht so leicht zu realisieren. Womit wirken Sie diesem Ruf über Ihr Konzept entgegen?

König: Vor allem über die vielfältigen Angebote der Kunstvermittlung, die in unserem Haus an alleroberster Stelle über dem Kunstverkauf steht. Wir präsentieren acht große und zwölf kleinere Ausstellungen pro Jahr, der Besuch ist jederzeit kostenfrei. Wir haben sogar sonntags geöffnet und bieten bei unseren Veranstaltungen ebenso den Yogakurs wie die Führung einer Schulklasse an. Ziel ist es, die Kunst zugänglicher zu machen und die Schwellenangst abzubauen, weil letztlich genau davon der Kunstmarkt profitiert.

Wie wichtig sind hierfür die Ausstellungsräume?

König: Extrem wichtig! Kunst muss physisch erfahren werden. Deshalb ist es so sehr zu empfehlen, hierher zu kommen. Um Kunst erlebbar zu machen, müssen einzigartige Rahmen geschaffen werden – insbesondere im Zeitalter der digitalen Medienpräsenz. Wenn ich Kunst nur verkaufen wollte, bräuchte ich diese Ausstellungsräume nicht.

Dass Sie Kunst in einem musealen Rahmen präsentieren, aber – im Gegensatz zu Museen – mit einer wirtschaftlichen Ausrichtung arbeiten oder auch, dass Sie gleichzeitig im Primär- wie Sekundärhandel tätig sind und mit Auktionshäusern kooperieren, wird in der Kunstszene als Grenzüberschreitung kritisiert. Wie gehen Sie mit diesen Vorwürfen um?

König: Diese ganzen Angriffe verstehe ich nicht. Das ewige ‚die Galerie ist gut, der Handel ist schlecht’ ist doch eine überholte Idee im Mikrokosmos des Kunstbetriebes. Um auf Dauer wirtschaftlich arbeiten zu können, ist es erforderlich, die herkömmlichen Trennungen innerhalb des Kunstmarkts aufzuheben und stärker mit den jeweiligen Institutionen zusammenzuarbeiten, gemeinsam ist uns ja allen die Liebe zur Kunst.

Gehört ein eigenes Branding mit Merchandise-Artikeln und hauseigenem Magazin auch zwingend zu einem erfolgreichen Galeriekonzept dazu?

König: Nicht zwingend. Es ist abhängig vom jeweiligen Konzept. Unseres wird hiermit sehr gut unterstützt. Das Branding steht hierbei aber nicht im Vordergrund. Mit dem Souvenir-Shop möchten wir vor allem unseren jungen Besuchern, die noch nicht das Geld für den Erwerb eines Kunstwerk haben, die Möglichkeit geben, an künstlerischen Ideen teilzuhaben. Unser Magazin nutzen wir als Instrument, um Inhalte zu vermitteln, die wir in unseren Ausstellungen nicht zeigen können.

Also kein Verkaufsmagazin, das das Ethos der unabhängigen Kunstkritik gängiger Fachzeitschriften unterwandert?

König: Nein. Es geht primär um die Inhalte. Nicht jedem Künstler ist es gegeben, das eigene Kunstschaffen als spannende Geschichte zu erzählen. Es ist manchmal schwieriger sich einem Künstler über seine Arbeit zu nähern, als über seine Persönlichkeit. Deshalb ist die Medienpräsenz der Selbstvermarkter üblicherweise deutlich höher. Mit unserem eigenen Magazin können wir selbst darüber entscheiden, wie wir die Inhalte der Galerie und ihrer Künstler kommunizieren. Das kann durch Porträts, interviews oder gegebenenfalls auch durch eine Homestory passieren – was immer dem Werk entspricht.

Abschlussfrage: Ist es Ihrer Meinung nach deshalb auch insgesamt an der Zeit für neue Konzepte von Kunstmagazinen?

König: Aufgrund dessen, dass auch die Kunstmedien den in diesem Gespräch aufgezeigten neuen Bedingungen ausgesetzt sind, ja.

Weitere Informationen

… über die König Galerie: http://www.koeniggalerie.com