Hakan Eren

Die Wachmacher-Bühne

Fotos: Natascha Romboy

Düsseldorf-Akademierundgang, Klasse Katharina Fritsch. Hakan Eren steht kurz vor seiner Abschlussprüfung. Sichtlich aufgeregt tüftelt er an den letzten Details seiner Präsentation. Das Wort „tüfteln“ trifft hier absolut den Kern. Die an den Wänden montierten Gebilde erinnern mich spontan an technoide Konstruktionsmodelle für Fortgeschrittene in einem Spielwarengeschäft vergangener Tage.

Seile, Drehscheiben, Zahnräder, Schrauben, Gelenke, Kurbeln oder Streben verbinden diverse, vielfach aus Holz gefertigte Einzelelemente. Dass mit dieser Mechanik Bewegungsabläufe in Gang gesetzt werden können, ist offensichtlich. Nicht so leicht erkennbar hingegen ist, was genau passieren wird oder passieren kann …

Ich freue mich auf die Vorführungen.

Hakan startet mit einer Skulptur, deren Apparatur mit einem Hammer abschließt.

„Sie ist zunächst einmal einstellbar auf die Körpergröße“, erklärt er mir, während ich mich zentral unter dem Hammer positionieren muss. Mit leichtem Unbehagen harre ich gespannt der Dinge, die da kommen mögen. Einem kurzen Check folgt die Aktion. Hakan kurbelt, der Hammer bewegt sich nach oben, wird zum Schlag vorbereitet und … Gott sei Dank kurz vor meinem Knockout angehalten. Puh! „Die Skulptur heißt Wachmacher“, erfahre ich. Sehr passend. Bin wach.

Weiter geht es zum nächsten Objekt. Ausgehend von einem Schaltmodul an der Stirnwand des Raumes verbindet eine langgestreckte, untergliederte Treibriemenkonstruktion insgesamt drei Figuren miteinander. Im ersten Moment erinnern diese an harmlose Spielfiguren eines Puppentheaters. Doch lassen ihre Ausstattung und Gruppenformation erkennen, dass es sich hier nicht um eine harmlose Szenerie handelt. Eine der Figuren sieht aus wie ein Derwisch, dessen Kleid allerdings mit dem Bild der amerikanischen Flagge bedruckt ist. Eine weitere ist kopflos. Sie besteht lediglich aus einem ausgeformten Strafgefangenenanzug, dem ein gelber Stern aufgesetzt ist. Die Dritte, mit den Füßen nach oben montierte Figur, ist in eine schwarze Burka gehüllt und hat einen Stock im Rücken.

Was wird jetzt wohl mit ihnen passieren? Die zweite Vorführung beginnt, nein, beginnt nicht. Es muss noch einmal nachjustiert werden. Aber jetzt!

In blechernem Radiosound erklingt zunächst ein von einer weiblichen Stimme gesungener, arabisch klingender Song. Dann startet die Performance der Figuren. Die Gruppe beginnt, sich wie in einem Tanz zu drehen und was macht die Burka-Figur? Sie beginnt mit Situps! Insgesamt ein mehr als witziges und skurriles Bild. Mit einem großen Fragezeichen im Gesicht wende ich mich an Hakan.

Hakan Eren: „Also – zunächst einmal zur Musik: Es handelt sich hierbei um kurdische Musik, von einer der erfolgreichsten Sängerinnen der arabischen Welt. Ihr Erfolg verwundert insofern, als dass sie sich innerhalb ihrer Texte sehr stark für die Rechte der Frauen engagiert. Zu den Figuren: Mit dem Outfit des Derwisches nehme ich Bezug zum politischen Geschehen in der Gründungszeit der Republik Türkei. Präsident Atatürk hatte seinerzeit alles Osmanische aus dem Land verbannt, sehr entschlossen die Modernisierung des Landes nach westlichem Vorbild vorangetrieben und in diesem Zusammenhang alle dort lebenden Sultan-Familien vertrieben. Viele dieser Familien sind in die USA emigriert, sodass es ihre nachfolgenden Generationen sind, die auch heute noch das dortige Gesellschaftsbild mitprägen. Der Strafgefangene mit Stern erklärt sich – glaube ich – ebenso von selbst wie die Burka-Figur. Vielleicht noch zum Stock: Der versinnbildlicht den sprichwörtlichen Stock im Arsch.“

„Demnach eine recht provokante Inszenierung des aktuellen politischen Geschehens. Sind es deine türkischen Wurzeln, die dich zu einer solchen Auseinandersetzung herausfordern?“

Hakan Eren: „Sagen wir besser, es ist immer auch meine eigene Geschichte, die in meine Arbeiten einfließt. Ich interessiere mich für fast alles, was in der Welt geschieht, bin immer auf Empfang und lasse alles auf mich einprasseln. In diesem Durcheinander entwickeln sich sehr intuitiv Ideen für neue Arbeiten, die letztlich durch meine Reflexionen hervorgerufen werden und deshalb natürlich viel mit mir zu tun haben. Grundsätzlich möchte ich aber eine Schwere in meiner Kunst vermeiden. Es soll keine Kunst mit erhobenem Zeigefinger sein. Sie darf auch Spaß machen.“

„Apropos Spaß. Neben deiner künstlerischen Tätigkeit in der Akademie bist du auch sehr erfolgreich als Ballonkünstler unterwegs. Je nach Anlass – Kindergeburtstag, Betriebsfeier oder auch Wettbewerb – entwickelst du die fantasievollsten Kreaturen.

Sind das hier etwa auch kleine Ballons“, frage ich vorsichtig, als ich mir die dritte Skulptur im Raum näher anschaue. Es ist eine Art Büste, die auf einem Sockel unter einer Glashaube thront. Pinke und lila Blüten umfließen ihre Form. Ich denke spontan an eine Wasserballett-Szene in einem 1950er-Jahre-Hollywood-Streifen.

Hakan Eren: „Ja, die Blüten sind aus Ballons geformt. Ursprünglich war das Ganze mal ein Kleid im Körpermaß einer Frau, das aber mittlerweile auf diese Größe geschrumpft ist. Auch wenn ich über die Glashaube den zeitlichen Verlauf beeinflusse, ist der Prozess des Schrumpfens ein sehr wichtiger Teil dieser Arbeit. Es ist von Beginn an klar, dass irgendwann fast nichts mehr da sein wird.“  

„Spielt das Thema Vergänglichkeit hierbei eine Rolle?“

Hakan Eren: „Ja. Aber nicht bezogen auf die Vergänglichkeit der Natur. Es ist eher eine Anspielung auf die Vergänglichkeit eines Kunstwertes, der oftmals nur noch vom Kunstmarkt bestimmt wird. Wie viel ist eine Arbeit wert, die sich auflösen wird oder technisch laienhaft daherkommt?“

„Was hat es dann mit diesen Graphiken auf sich“, frage ich, während ich mir die hier präsentierte Serie anschaue. Die Motive und auch die Art und Weise ihrer Zeichnung erinnern auf den ersten Blick an unschuldige Bilder für Kinderbücher. Auf jedem Bild ist ein riesiger Hase zu sehen, der ein kleines Kind auf dem Schoß sitzen hat. In der Betrachtung der Details entpuppt das vormals Niedliche allerdings als Grusel-Szenario.

Hakan Eren: „Es ist in der Tat eine fiese, fast böse Arbeit. Über Facebook-Posts stieß ich irgendwann darauf, dass sich in Amerika die Väter kleiner Kinder an Ostern als Hasen verkleiden. Die Vorstellung fand ich sehr verstörend und hat mich letztlich zu dieser Serie angetrieben. Das Zeichnen ist für mich sehr wichtig. Hiermit fängt oft alles an, auch meine bildhauerischen Arbeiten. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, in meiner Abschlusspräsentation auch hiervon etwas zu zeigen.“

Ich schaue mich noch einmal im Raum um.

So vielfältig die Arbeiten auch sind, ist eine zentrale Gemeinsamkeit erkennbar. Die gesamte Präsentation umweht etwas Nostalgisches und irgendwie auch Laienhaftes. Dem Zeitalter der digitalen Technik scheint sich dieser Künstler zu verweigern. Alles ist handgemacht, filigran ausgetüftelt, jegliche Mechanik bewusst sichtbar belassen.

Dass sich hinter der spielerischen Fassade die künstlerische Auseinandersetzung mit brisanten politischen Themen oder auch philosophischen Fragestellungen verbirgt, wird erst auf den zweiten Blick offenbar.

Aber, steht die Vermittlung kritischer Botschaften hier im Vordergrund, frage ich mich abschließend. Welche Bedeutung kommt dann der doch scheinbar überholten Machart und dem Erlebniswert dieser Kunst zu? Unter Einsatz neuester Techniken könnte ja alles sehr viel einfacher und perfekter funktionieren. Es reichte ein Knopfdruck, um die Maschinerie in Gang zu setzen. Nichts würde hängenbleiben. Nichts müsste nachjustiert werden. Die Anwesenheit des Künstlers wäre nicht weiter erforderlich.

Ist die Vorführung als solche mit ihrer Überfülle an Erlebniswert deshalb nicht vielleicht sogar Strategie und somit ein wesentlicher Teil seiner Arbeit? Durch das Hintertürchen Unterhaltung fängt Hakan Eren unsere Aufmerksamkeit ein, macht uns wach, schafft die Voraussetzung für eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Kurzum – schafft eine Wachmacher-Bühne, die zum Blick hinter die Kulissen einlädt.

Weitere Informationen