Claus Richter

Vor der Kulisse, hinter der Kulisse …

Atelier-Fotos: Markus Schwer

Köln, im September 2018. Wie magisch hatten mich seine auf der diesjährigen Art Cologne präsentierten Arbeiten angezogen. In ihrer verspielt nostalgischen, scheinbar leichtfüßigen Ästhetik hatten die ausnahmslos figurativ gestalteten Werke einen fast kindlichen Entdeckergeist in mir geweckt. Was hatte es mit den Teufelchen der Wandarbeit auf sich, die einfach den Zeiger der Standuhr festhielten und mich so herausfordernd angrinsten? Das in einer Art hölzernem Scherenschnitt gefertigte Werk hatte sich bei näherer Betrachtung sehr schnell als alles andere als leichtfüßig entpuppt. Hier wurde nicht einfach nur ein Zeiger, sondern die Zeit angehalten. Ein Schnitt gemacht für ein Ende oder einen Neubeginn. Ein solches Wechselspiel, Tiefsinniges vor scheinbar harmloser Kulisse zu erzählen, ist typisch für die Kunst von Claus Richter, wie ich bei meinem heutigen Atelierbesuch erfahren werde …

Gleichbleibender Reiz (2018), Holz, Lack, Acryl, 140 x 140 x 5,5 cm

Mitten im Zentrum Kölns, ruhig im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses gelegen, befindet sich sein Atelier. Eine Art Wohnküche bildet das Entrée, das in eine Mischung aus Lager und Kreativ-Werkstatt überleitet und in mir unmittelbar eine gespannte Vorfreude auslöst. Zunächst einmal setzen wir uns aber in die Wohnküche, wo Claus Richter auf sehr humorige Art und Weise von seinem künstlerischen Werdegang erzählt: „Ich komme aus einem kleinbürgerlichen Haushalt in Lippstadt, ohne jeden Anschluss an irgendeine Kunstszene. Eher unintellektuell – genau genommen über die Betrachtung eines Salvador-Dalí-Posters – bin ich in die zeitgenössische Kunst eingestiegen“, verrät er lachend sein Schlüsselerlebnis. „Als Fantasy Fan hatten mich die surrealen Welten Dalís völlig überwältigt. Solche wollte ich auch schaffen. Im typischen Größenwahn eines 11-Jährigen hatte ich deshalb sofort beschlossen, der berühmteste Künstler der Welt werden zu wollen. Mein Kinderzimmer wurde fortan zum Wechselausstellungsraum für Kunst- und Designausstellungen, meine Eltern die Besucher.“

„Klingt nach Kunst spielen mit dem Kinderzimmer als Bühne. Die Faszination für das Theater ist nach wie vor in deinen Arbeiten spürbar. Hast du irgendwann auch selbst Theater gespielt“, frage ich.

„Ja, immer wieder. Bereits in der Schule in einer freien Theatergruppe. Neben dem Schauspiel begeisterte mich aber auch immer die Bühnenbildnerei. Deshalb absolvierte ich vor dem Studium ein Praktikum am Schauspiel Bonn bei der Bühnenbildnerin Simone Manthey. Die Faszination für das Theater brach dann auch später in meiner Zeit an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach immer wieder durch. Gemeinsam mit meinen damaligen Studienkollegen Oliver Husain und Sergej Jensen bespielten wir zunächst ein Offspace mit einem durch uns inszenierten Puppentheater. Hieraus entwickelte sich dann nach dem Studium, mit immer größerem Aufwand, die Performance-Gruppe Da Group mit geradezu flamboyanten Shows. Thematisch ging es uns um eine Art Grenzverschiebung von Entertainment und Edutainment. Irgendwann sind wir dann alle unsere eigenen Wege gegangen, doch blieb für mich insbesondere die Idee von Theatralität ein wesentliches Element meiner Arbeit.“

Salve Monstrum (Filmstill), 2015

Zeit einen Blick ins Atelier zu werfen, wo diese Idee ihre praktische Umsetzung findet …

„Ich habe extra nicht aufgeräumt. Es gibt also einen authentischen Blick hinter die Kulissen“, verrät er augenzwinkernd, bevor wir um die Ecke biegen. Herrlich! Das nenne ich kreatives Chaos: Dicht mit Arbeitsmaterialien gefüllte Regale, übereinander gestapelte Kisten aller Art, Holzlatten, Stoffballen, Modelle aus Pappe, Spielsachen und Krimskrams in jeder Ecke, zwei riesige Meckis auf einer Werkbank … ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll.

Einblick ins Atelier

Ich entdecke einen Schreibtisch, dem eine Leinwand gegenübersteht. Hier wird offensichtlich gerade an einer Art Scherenschnitt gewerkelt. Vielleicht hier anfangen?

„Das ist mein siebenköpfiger Drache Hydra für die bevorstehende Monsters-Ausstellung“, erklärt Claus Richter diese Arbeit. „Sechs Köpfe streiten sich, der siebte ist völlig genervt und will endlich Ruhe. Ich dachte hierbei an die sich bekämpfenden Gedanken, die sich unentwegt parallel in unserem Kopf auftun. Dieses ständige ,Soll ich dies tun? Nein. Ich sollte besser das tun’, das einen manchmal fast in den Wahnsinn treibt“, erläutert er den Hintergrund dieser Arbeit, die mich in ihrer Ästhetik an die Kulisse eines Schattentheaters oder das Muster eines kostbaren asiatischen Paravents erinnert. Die Details sind in feinster Handarbeit gefertigt. Die Schuppen des Drachens sind aus kleinsten, aneinander geklebten Plättchen plastisch ausgearbeitet. „Ja, ich weiß. Ich bin ein bisschen wahnsinnig“, gesteht er lachend meinem erstaunten Blick folgend. „Es wäre um ein Vielfaches einfacher gewesen, das ganze digital oder durch eine externe Werkstatt erstellen zu lassen. Ich mache aber grundsätzlich alles selbst, auch meine mechanischen Installationen. Das Basteln und Tüfteln ist mir eine Herzensangelegenheit – meine Rückzugsmöglichkeit. Es ist das einzige, womit es mir noch gelingt in eine Parallelwelt abzutauchen.“

Hydra (2018), Chromolux-Papier auf Leinwand, 200 x 110 cm

„Woher holst du deine Inspirationen“, möchte ich nun wissen. „Ich sammle leidenschaftlich: zeitgenössisches wie antiquarisches Spielzeug, mechanische Figuren, aber vor allem sehr gern antiquarische Schulheft-Bastelvorlagen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Ich liebe diese Zeit der Vorkriegsavantgarde!“, platzt es leidenschaftlich aus ihm heraus. „Die Verschmelzung von Angewandter und Bildender Kunst macht einen so starken Umbruch spürbar. Kunst war plötzlich nicht weiter der Elite vorbehalten, was sich offensichtlich auch auf die Kunsterziehung in der Schule ausgewirkt hat, wie die Entwürfe solcherart Bastelvorlagen zum Ausdruck bringen“, erzählt er und zeigt Beispiele aus seiner Sammlung. „Insgesamt fühle ich mich dieser Zeit wahnsinnig verbunden, sauge alles, was ich darüber finden kann, auf wie ein Schwamm – versuche sie mit meiner Kunst wiederzubeleben.“

Die Art-Deco-Einflüsse im Raum treten für mich nun noch stärker hervor. Insbesondere die geometrischen Grundformen und die stilisierten Figuren der mich umgebenden beiden Paravents erinnern an die Kulisse eines Revuetheaters der 1920er Jahre. Auch der Drache Hydra erscheint mir nun wie die Umsetzung einer der eben betrachteten Bastelanleitungen.

Die Buch-lesenden Riesen-Meckis im hinteren Raum passen allerdings nicht in diese Zeit. „Wo hast du die denn gefunden“, frage ich neugierig nach. „Nicht gefunden, sondern selbstverständlich selbst gemacht … sogar mit eingebauter Mechanik“, antwortet Claus Richter gespielt vorwurfsvoll. „Sie waren Teil der Installationen von Living in another world, in der ich das Warten thematisierte. Leer dreinblickende Gestalten an einer Haltestelle wurden von gutgelaunten, jubelnden Meckies flankiert. Ich wollte hiermit das dumpfe Warten im Sinne von ,Wann wird mein Leben endlich schön’ dem kindlich unbeschwerten, freudigen Erwarten wie beispielsweise auf die bevorstehenden Sommerferien oder Weihnachten gegenüberstellen. Diese Konfrontation des sich völlig verändernden Blicks auf die Welt findet sich häufig in meinen Arbeiten. Der Verlust des behüteten Schutzraums bei den Eltern, das Anpassen-müssen, das Stärke-zeigen-müssen, das letztlich immer weiter zu einem Leben Vor-der-Kulisse führt, ist ein starkes Thema für mich.“

Bild rechts: Living in another world (2017), Installationsansicht

Erzählerisch dargestellt findet sich der veränderte Blick auf die Welt auch in der Arbeit 4 a.m. Geisterhaft liegt hier die Gestalt eines Erwachsenen, dumpf auf seinen Laptop starrend, auf dem Boden eines dunklen Raumes. Ergänzt wird die Szenerie durch eine kleine Tür, hinter der kleine Häschenköpfe Peter-Pan-artig hervorlugen sowie märchenhaften, den Raum erhellenden Nachtlichtern. Es geht um den sich verändernden Umgang mit Schlaflosigkeit. Die parallele Darstellung des Hineinträumens in eine noch sorgenfreie, verheißungsvolle Fantasiewelt und des verzweifelten Gefangenseins in einer von Sorgen belasteten Realwelt umweht etwas Gespenstisches.

„Wie lebt es sich denn als Künstler zwischen den Fantasie- und Realwelten des Kunstbetriebes“, interessiert mich nun diese Perspektive auf das Thema. „Nicht leicht, aber man muss lernen damit zu leben. Die ständige Panik, wie und ob es weitergeht, trifft den großen Künstler ebenso wie den kleinen. Und das muss hinter der Kulisse des Kunstbetriebes verborgen bleiben. Bei den Ausstellungseröffnungen und vor allem auch danach hat man gut drauf zu sein. Bloß keine Schwäche zeigen! Ich kann mittlerweile aber ganz gut mit diesen Ängsten umgehen, weil ich mich innerhalb meiner Arbeit genau mit diesen philosophischen Fragen hinter der Oberfläche auseinandersetze, die Oberfläche sozusagen durchbreche und als soziales Phänomen sichtbar mache.“

Die kurz vor der Fertigstellung befindliche Arbeit Rock Bottom liefert geradezu den Beweis für diese Aussage. Bunt und fröhlich, wie eine Illustration in einem Kinderbuch, ist zunächst die Anmutung des Teufelchens, das es sich lesend auf einem gemütlichen Polstersessel bequem gemacht hat. Doch welche Bücher liest es? Aufgeschlagen in seinen Händen befindet sich das Buch Meine schreckliche Lebenskrise. Auch die Titel auf den Bücherstapeln um ihn herum verheißen nichts Gutes: Allein gelassen und verloren, Sozialer Abstieg, Lähmung, Depression, Angst … Kaum vorstellbar, dass in einem so lebensfrohen Menschen wie Claus Richter solcherart Ängste schlummern könnten.

Bild oben rechts: Rock Bottom, wood, fabric, artificial leather, metal, cardboard, 190×140 cm (courtesy: Clages, Cologne 2018)

Eines ist sicher: Sein Blick hinter die Kulisse des menschlichen Daseins ist stark von der eigenen Lebenserfahrung geprägt. Doch sind es eben auch die großen philosophischen Fragen, die sich in seinen Erzählungen spiegeln und wir uns deshalb mit unserer eigenen Geschichte darin wiederfinden. Mit seinen bühnenbildnerisch inszenierten Kulissen entführt er uns in seine fantastischen Zauberwelten, in denen die Grenze der großen Geste vor der Bühne und der Melancholie hinter der Bühne durchbrochen wird. Vor der Bühne und hinter der Bühne verschwimmen zu einer Einheit.

Wahrlich großes Theater – mit den menschlichen Sehnsüchten und Ängsten in der Hauptrolle …

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