René Turrek und Elke Backes

René Turrek

Graffiti als Lifestyle-Kunst

Fotos: René Turrek/Natascha Romboy

Mönchengladbach. Sein eigentliches Atelier befindet sich in Osnabrück, doch führen seine Aufträge ihn meist kreuz und quer durch die Welt. Kaum zu glauben, dass sein aktueller Auftrag den Graffiti-Kunst-Star René Turrek, u.a. ist er für das Outfit der Trucks von Transformers verantwortlich, ihn ausgerechnet nach Mönchengladbach geführt hat. Doch der Spezialist für außergewöhnliche Fahrzeuglackierungen zögerte nicht lange das Angebot anzunehmen, ausgerechnet einen i8, für ihn derzeit das formschönste Auto, im „Joker-Style“ für die BMW Faba Autowelt zu gestalten.

René Turrek, BMW Faba Autowelt, Transformers-Truck, Joker

Bildcollage 1: I8 für die BMW Faba Autowelt, Transformers-Truck

Wir treffen uns in Sichtweite des Borussia-Parks, am Firmensitz seines Managements, der Creative Art Consulting Agency Janzen & Sauerland. Gegenüber befindet sich die Halle, die vorübergehend als Atelier genutzt wurde. Hier wurde die Fratze des Joker aus der Verfilmung Suicide Squad prominent auf die Motorhaube des i8 platziert und das gesamte Auto einer schrillen Verwandlung unterzogen.

Neben Autos entwickelt Turrek auf unterschiedlichsten Bildträgern für unterschiedlichste Kunden seine Werke. Bekannte Großunternehmen wie Sony, Adidas, Nike, Starbucks oder Bench, aber auch Privatkunden und Superstars wie Snoop Dogg, Vin Diesel, Rihanna, Paris Hilton oder Marco Reus sind seine Auftraggeber. Als Bildträger für seine Editionen nutzt er zum Beispiel Kopfhörer, Handy-Hüllen, Sneakers, Skateboards, Kaffeebecher oder komplette Environments. Bei seinen privaten Aufträgen bespielt er die Bandbreite, vom Toiletten- bis zum Privatjet-Design.

René Turrek Produktdesign

Bildcollage 2: Beispiele seines Produktdesigns

Lassen sich seine Arbeiten eher der bildenden (freien) oder der angewandten (zieldefinierten) Kunst zuordnen? Das ist eine der wesentlichen Fragen, die ich im heutigen Gespräch zu beantworten versuche. Bevor wir uns später gemeinsam den I8 in der Halle anschauen, setzen wir uns zunächst in größerer Runde im Büro zusammen. Neben uns lehnen einige Bilder an der Wand, die unverkennbar die Handschrift des Künstlers tragen. Die Pinnwand ist übersät mit Ausdrucken, die einen Querschnitt der unzähligen Arbeiten präsentieren, die in den letzten Jahren entstanden sind. Wie wurde ein solch kometenhafter Aufstieg möglich?

René Turrek, Mark Forster

Bildcollage 3: Beispiele seines Gesamtwerks (Kirche in Madrid, Portrait für Mark Forster,                                      Toilettendesign im Lous-Vuitton-Style, klassische Graffiti-Wand)

René Turrek erzählt offen über seinen Werdegang: „Nachdem meine Aktivitäten in der illegalen Graffiti-Szene erste Strafverfahren nach sich gezogen und hiermit auch meinen Vater und meinen Bruder in die Bredouille gebracht hatten – beide waren ungünstiger weise im damals zuständigen Amtsgericht tätig –, erhörte ich den Rat meiner Familie ,doch bitte mit dem Blödsinn aufzuhören’. In Münster studierte ich dann drei Semester Kunstgeschichte und Illustration, bis ich mich fragte, was man mir noch beibringen wollte. Ich fühlte mich technisch einfach ausgereift. Mit dieser Erkenntnis und der Vereinbarung, das Studium jederzeit wieder aufnehmen zu können, wagte ich den Schritt in die Praxis. Der Anfang war holprig. Nach ersten Gehversuchen in den USA, war ich 1998 wieder zurück in Deutschland und begann dann erste Bilder auf Leinwand zu malen. Nichts Anspruchsvolles. Eher dekorativ mit vereinzelten Graffiti-Elementen, Marke Küchenbilder“, so Turrek selbstkritisch. „Doch die Bilder verkauften sich erstaunlich gut, langweilten mich aber nach kurzer Zeit. Es folgten Experimente mit unterschiedlichsten Materialien und Techniken. Ich lernte dabei, wie welche Farbe auf welchem Untergrund in welcher Mischung reagiert und entwickelte mich parallel zum Experten für das Besprühen von Autos. In dieser Entwicklungsphase wurde mir auch bewusst, dass ich innerhalb meines kreativen Prozesses grundsätzlich nur mit Materialien arbeiten kann, die mit meiner Geschwindigkeit im Kopf mithalten können. Soll heißen, ich muss meine Ideen unmittelbar umsetzen können, habe keine Zeit durch einen Trocknungsprozess wie beispielsweise bei der Ölmalerei ausgebremst zu werden.“

René Turrek und Elke Backes

Bildcollage 4: René Turrek im Gespräch mit Elke Backes

„Liegen deinen Arbeiten Vorzeichnungen zugrunde“, frage ich, weil ich näheres über den Entstehungsprozess seiner Arbeiten erfahren möchte. „Nein. Nie! Ich arbeite immer aus dem Kopf. Auch das würde mich langweilen. Wenn ein Gedanke einmal umgesetzt wurde, ist er für mich durch. Ich kann nichts wiederholen“, lautet die überraschende Antwort. „Auch auf den Autos“, frage ich ungläubig nach. „Ja, auch auf den Autos.“ Kaum vorstellbar, wenn man sich einzelne der detailliert ausgearbeiteten Motive auf den Fahrzeugen anschaut. „Möchten deine Kunden denn nicht wenigstens eine Ideenskizze von dir sehen, bevor sie dir ihre Edelkarossen anvertrauen? Und direkt die Anschlussfrage: Kommen nicht vielleicht Motivwünsche oder Vorgaben, die deinen üblichen Werkprozess einschränken“, hinterfrage ich die künstlerische Freiheit seiner Auftragsarbeiten. „Klar kommen die. Selbstverständlich bemühe ich mich auch, diese zu berücksichtigen. Doch es gibt bei mir klare Grenzen. Ein bestimmtes Thema zu bespielen ist generell kein Problem. Doch wenn ich beispielsweise feststelle, dass die Form des Autos mit diesem Thema nicht harmoniert oder mir ein fertiger Entwurf vorgegeben wird, mache ich nicht mit. Ganz zentral ist für mich, den Überraschungsmoment, den ,Wow-Effekt’, selbst steuern zu können. Die Geheimhaltung geht sogar soweit, dass ich vereinzelt die Scheiben meines Ateliers vollständig abklebe. Ich liebe es, den Kunden erst einmal ein bisschen nervös zu machen und dann sein Gesicht zu sehen, wenn er das fertige Produkt das erste Mal in Augenschein nimmt,“ so Turrek enthusiastisch.

„Bei einem Auto oder einer Wandgestaltung kann ich diese Herangehensweise nachvollziehen. Doch wie sieht es bei den Editionen deiner Produktgestaltungen aus? Wie habe ich mir hierbei die Vorlage des Prints vorzustellen, wenn nicht auf Papier oder als Datei“, möchte ich wissen.

„Hier gilt das gleiche Prinzip. Nehmen wir einfach mal diese Handy-Hülle, die es zu gestalten gilt“, beginnt Turrek seine Erläuterung und greift nach der Hülle, die vor uns auf dem Tisch liegt. „Für die Entwicklung einer Idee benötige ich zwingend das Produkt, um das es geht. Die Idee entsteht über die Form, das Material, die Funktion und natürlich auch mit Blick auf die Zielgruppe der Käufer. Das geht sehr schnell, funktioniert aber nur, wenn ich unmittelbar auf diesem Produkt arbeiten kann. Dabei entsteht automatisch eine Adaption der Idee auf das Produkt. Losgelöst würde das bei mir nicht funktionieren.“

Soviel zur Produktgestaltung. „Was ist mit den Bildern, die wir hier sehen? Liegt hier auch eine Auftragsarbeit zugrunde, frage ich und schaue mir die Bilder ein bisschen näher an. Jetzt schaltet sich Daniel Janzen ein. „Nein. Das war eine besondere Geschichte. Sie steht im Zusammenhang meiner Reise nach China. Ich wollte mir dort das Künstlerdorf Dafen anschauen, die weltweit führende Produktionsstätte für Kunst-Kopien. Unbeschreiblich! Im Akkord produzieren Maler, Reihe in Reihe sitzend, jährlich rund fünf Millionen Gemälde, meist Kopien von Meisterwerken, die in alle Welt exportiert werden. Die Qualität ist erstaunlich gut. Mit drei Sätzen à 25 Gemälden im Gepäck bin ich letztlich nach Hause gekommen, ohne zu wissen, was ich damit machen wollte. Als ich René kennenlernte, hatte ich dann die zündende Idee. Ich fragte ihn, ob er sich nicht vorstellen könne, die jeweiligen Bilder als Ausgangsmotiv einer eigenen Interpretation zu nutzen. Er zögerte nicht lange und legte begeistert los. Ja, und das ist daraus entstanden“, erzählt Janzen und zeigt stolz auf die Werke.

René Turrek, Bouguereaus’ Geburt der Venus, Warhols’ Elvis, Lichtensteins’ M-Maybe, Magrittes’ Der Sohn des Menschen im Graffiti-Style

Bildcollage 5: Daniel Janzen mit Beispielen von Meisterwerk-Kopien (Bouguereaus’ Geburt der Venus, Warhols’ Elvis, Lichtensteins’ M-Maybe, Magrittes’ Der Sohn des Menschen im Graffiti-Style)

Es hat irgendetwas Schräges, einzelne der berühmten Popart-Motive (z.B. Elvis oder M-Maybe in Bildcollage 5), die als Kritik zum Massenkonsum in Drucktechnik oder Druckoptik entstanden sind, zunächst als gemalte Kopie in einer Massen-Produktionsstätte für Billigkunst vervielfältigt und dann auch noch in einem Genre interpretiert zu sehen, das sich häufig als Protestkunst verstanden wissen will. Seltsam, wie sich immer wieder verselbständigt neue Interpretationsspielräume entwickeln, denke ich.

„Was hat es denn mit dem schwarzen Fahrradhelm auf sich? Was passiert damit“, frage ich beim Anblick des Helms, den ich gerade auf dem Sideboard entdeckt habe. „Der ist schon fertig, gehört zum Gesamtkonvolut meiner Aufträge für die Tour de France. Er ist mit einer Speziallackierung versehen, die erst unter einer bestimmten Bedingung sichtbar wird“, werde ich aufgeklärt. Zum Verständnis folgt eine spontane Demonstration. „Wir brauchen nur Wasser“, erklärt der Künstler und geht mit Helm und einer mit Wasser gefüllten Tasse bewaffnet nach draußen. Während er das Wasser über den Helm laufen lässt, offenbart sich wie von Zauberhand das Motiv des Düsseldorfer Fernsehturms. „Ein super Show-Effekt. Setze ich sehr gern bei Events ein.“ Achja – ganz vergessen – er gestaltet natürlich auch Events. Die sind Teil seiner Marketingkonzepte, die er seinen Kunden mitliefert. (s. Video: Making-Off „Joker)

René Turrek, water effect Graffiti

Bildcollage 6: René Turrek demonstriert den „Wasser-Effekt“

Rene Turreks Hände statt Chemikalienbad - Making-of Jokeri8 😍#bmwi8 #suicidesquad #thejoker #reneturrek

Posted by BMW Faba on Freitag, 4. August 2017

Video: Making-Off „Joker“

„Die Entwicklung solcher Effekte erfordert demnach auch ein hohes Maß an Kenntnissen über chemische Reaktionen und entsprechende Versuchsreihen“, vergewissere ich mich meiner Vermutung. „Ja. Ohne Ende probiere ich Neues aus. Wie jetzt beim I8. Beispielsweise kann mittels Fernbedienung die Reflektion einer neu entwickelten Lackierung aktiviert werden (s. Bildcollage 1) oder Lackierungen nur auf dem Display eines Handys sichtbar werden, wenn ein Foto mit Blitz geschossen wird.“

Der richtige Zeitpunkt, um sich das Auto in der Halle anzuschauen. Wir gehen alle gemeinsam zur Halle hinüber, die noch Spuren des vorangegangenen Graffiti-Acts aufzeigt. Mittendrin das frisch fertiggestellte Luxusmodell. Mit den geöffneten Flügeltüren erweckt es den Anschein, jeden Moment abheben zu können. Dynamik pur! Die Farben Grün, Rot, Schwarz und Weiß dominieren die Gestaltung. Eyecatcher ist natürlich der Joker, der gerade das BMW-Logo aufzufressen scheint. Wir gehen um das Auto herum. René Turrek erklärt mir die Details des neuen Styles, der selbst im Innenraum seine Anwendung findet. Eines ist sicher: Der zukünftige Fahrer braucht keine mangelnde Aufmerksamkeit zu fürchten …

René Turrek, Joker, BMW I8 Graffiti

Bildcollage 7: Ansichten des I8

Als Turrek den eben dargestellten Handy-Effekt vorführt, ruft er allgemein begeistertes Staunen hervor. „Das ist es, was mir Spaß macht. Ich möchte insgesamt den Rezipienten meiner Kunst mehr Optionen einräumen. Deshalb habe ich mir jetzt auch überlegt, diese neue Technik zukünftig auf die Leinwand zu übertragen. Die Interaktion soll dabei unterstützen sich mit dem Werk auseinanderzusetzen. Ich möchte weg vom Modell ,Kunstkauf als Steuervermeidungsmodell und zur Lagerung im Depot’ und bin mir sicher, dass ein ,animiertes’ Bild nicht im Keller landen wird“, so die Überzeugung Turreks.

Spaß und künstlerische Freiheit sind ihm offensichtlich wichtig. Kleine Guerilla-Aktionen werden zumindest noch gedanklich durchgespielt, wie er zum Ende unseres Gesprächs verrät. Sein Assistent Benin Hoborik sei, nachdem er die Louis-Vuitton-Toilette (s. Bildcollage 3) designt habe, auf die Spitzenidee gekommen, nachts einen Geldautomaten im Vorraum einer Bank mit diesem Print zu überziehen. Diese Idee lasse ihn nicht mehr los. Die Vorfreude auf das Bild der Intervenierung als solcher sowie auf die mutmaßliche Reaktion der Öffentlichkeit darauf stehen ihm gerade im Gesicht geschrieben.

Vorfreude, Überraschung, da ist es wieder! Ob bei der spannungsgeladenen Übergabe des frisch designten Luxusautos, bei der Inszenierung von Spezialeffekten, der Präsentation einer neuen Edition, immer ist es die Vorfreude auf den Überraschungsmoment, die ihm sichtlich Spaß bereitet und ihn offensichtlich zu immer neuen kreativen Ideen herausfordert. Und genau hierin liegt die künstlerische Freiheit, die er sich kompromisslos aufrechterhält. Es lässt sich somit abschließend feststellen, dass seine Kunst nicht einfach der Bildenden oder Angewandten Kunst zuzuordnen ist, sondern sich in einer breiten Schnittmenge bewegt. Alles in allem eine zielorientierte aber freie und aus dem Bauch heraus entstandene Lifestyle-Kunst …

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